Was war doch gleich das Internet? Diskussionsforum „GeoForschung mit und zu neueren Medien“ im Rahmen der IfL-Forschungswerkstatt

Am 26.-27.02. hat am Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL) in Leipzig die erste IfL-Forschungswerkstatt stattgefunden. Dabei handelt es sich um ein neues Tagungsformat, das den Fokus auf methodische, methodologische und konzeptionelle Fragen legt – eindeutig eine Leerstelle in der deutschsprachigen Geographie. Die Veranstaltung stand unter dem Motto „Zugänge in der raumbezogenen Forschungspraxis: beobachten, reflektieren, ausprobieren.“

Im Rahmen der Forschungswerkstatt durfte ich zusammen mit Lea Bauer und Stephan Pietsch ein Diskussionsforum moderieren, mit dem Titel: „GeoForschung mit und zu neueren Medien: Internet, Web-Kartographie, (Geo-)Datenbanken, Filme.“
Unter den 14 TeilnehmerInnen waren mehrheitlich Promovierende, aber auch Master-Studierende und Post-Docs mit heterogenen theoretischen Perspektiven und Forschungshintergründen – von der verkehrsgeographischen Analyse urbaner Fahrradkultur bis zur Klimawandelfolgenabschätzung.

Das Forum verlief – wie die gesamte Tagung – in sehr entspannter und ungezwungener Atmosphäre. Zunächst haben Lea, Stephan und ich unsere Forschungsthemen und empirischen Zugänge dargestellt und mit den TeilnehmerInnen diskutiert (Lea Bauer arbeitet zu web-Karten politischer Initiativen, Stephan Pietsch zu Raumbildern in Filmen und ich zu web 2.0-Geodatenbanken in Palästina/Israel). Anschließend haben wir Gruppendiskussionen zu übergeordneten Fragen von Methodik und Methodologie internet- und filmbezogener Forschung geführt.

Christian Bittner - Geoforschung mit und zu neueren Medien

Christian Bittner – Geoforschung mit und zu neueren Medien; © Leibniz-Institut für Länderkunde 2014

Es war vorhersagbar und durchaus beabsichtigt, dass wir in diesem Rahmen eher Fragen aufwerfen und nicht beantworten konnten. Im Nachgang lese ich aus der Diskussion drei grundsätzliche und miteinander verbundene Problemkomplexe durch begriffliche Unschärfen für internetbezogene Forschungen heraus (ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Intersubjektivität):

1. Ontologie – oder: was war doch gleich das Internet?
Im Aufbau des Workshops haben wir „das Internet“ als ein (Massen-)Medium unter verschiedenen anderen dargestellt (bspw. Radio, Zeitungen, Fernsehen). Aus dieser Perspektive neigen wir häufig dazu, „internet-bezogene Forschung“ oder „online-Forschung“ als ein irgendwie zusammenhängendes Feld zu begreifen. Ich zum Beispiel fühle mich innerhalb der Geographie mit Leuten verbunden, die „auch zu irgendwas mit Internet“ forschen. Diese Sichtweise ist jedoch (zu?) stark verkürzt, denn je nach Fragestellung oder Blickwinkel können wir uns unter „dem Internet“ sehr verschiedene Dinge vorstellen (etwa eine Infrastruktur, ein Medium, ein Raum, ein Netzwerk, ein normatives Ideal). Selbst wenn man sich im weitesten Sinne auf eine dieser Perspektiven einigt – also etwa „online-Forschung“ aus einer mediengeographischen Perspektive betreibt – beinhaltet dies keine automatische Übertragbarkeit zwischen den jeweiligen Forschungsthemen oder Feldzugängen. Denn das Internet, als eine Art Meta-Medium, beinhaltet sehr unterschiedliche Medienformen (textuelle, visuelle, audio-visuelle, graphische, …). Kurz: Die Idee von „online-Forschung“ kann den Blick auf die Heterogenität hinter dem Begriff verstellen. Es spricht ja auch niemand von „offline-Forschung“.

2. Welche Rolle spielt das Internet eigentlich im Forschungsprozess?
Der Titel unseres Workshops lautete „Geo-Forschung mit und zu neueren Medien…“ So ein Titel ist schnell dahingeschrieben und uns war im Vorhinein nicht wirklich bewusst, wie viele (meist bodenlose) Fässer durch „mit“ und „zu“ geöffnet werden können. Das Internet kann nämlich im Forschungsprozess sehr unterschiedliche Rollen einnehmen. Zunächst spielt es vermutlich bei uns allen eine große Rolle im Wissenschaftsalltag (Recherche, Kommunikation mit KollegInnen, ggf. Textproduktion in cloud-Umgebungen, etc.). Es kann aber auch als Quelle oder Speicher für empirische Daten dienen; oder als Forschungsumgebung (etwa für online-Ethnographien); oder gar als Forschungsobjekt (hiermit spiele ich auf grundsätzliche Fragen zum Verhältnis von Internet und Gesellschaft an). Dann kann ich natürlich das Internet auch noch zur Kommunikation von Forschungsprozessen und -ergebnissen nutzen (bspw. durch einen blog wie diesen hier). Alle diese möglichen Rollen des Internets im Forschungsprozess schließen sich nicht gegenseitig aus – für meine Arbeiten bspw. haben sie alle eine gewisse Relevanz. Sie werfen aber jeweils sehr unterschiedliche Fragen auf: etwa von eher technischen EDV-Kompetenzen, über ethische Richtlinien zum Umgang mit personenbezogenen Informationen bis hin zu methodologischen und theoretischen Problemen bei der Konzeptualisierung und Untersuchung unserer Forschungsgegenstände.

3. Repräsentativität und Reichweite – was sagen online-Daten eigentlich aus?
Insbesondere bei nutzergenerierten Daten wissen wir häufig nicht, wen oder was diese tatsächlich repräsentieren. Bei einer Analyse von mehreren Tausend twitter-Nachrichten kann ich zwar eine beeindruckende Datenmenge verarbeiten, aber ich kann nicht ohne weiteres davon ausgehen, dass diese Stichprobe dem repräsentativen Querschnitt irgendeiner Gesellschaft oder soziodemographischen Gruppe entspricht. Auch haben wir meist begrenzte Anhaltspunkte zu den situativen Entstehungshintergründen der Daten. Welche Aussage kann ich also auf der Grundlage meiner Auswertung treffen? Der diffuse Begriff der „communities“ oder „crowds“, die hinter diesen Plattformen vermutet werden, suggeriert oft irreführende Einheitlichkeit, Vergleichbarkeit und Verallgemeinerbarkeit. Was also ist meine Stichprobe – und aus welcher Grundgesamtheit ziehe ich sie eigentlich? „Online-Forschung“ läuft hier schnell Gefahr, unzulässige Schlüsse zu ziehen.

Diese Punkte sind weder neu noch besonders originell. Sie können letztlich als Mahnung zur strengen Überprüfung der eigenen Annahmen, Kategorien und Begrifflichkeiten verstanden werden, bevor diese sich durch leichtfertig dahingeschriebene und -gesagte Thesen und Neologismen verselbstständigen. In dieser Hinsicht handelt es sich dann auch nicht mehr um „online-spezifische“ Forschungsprobleme, obwohl ich dennoch glaube, dass sie hier besonders markant auftreten.

Geoforschung mit und zu neuren Medien

Geoforschung mit und zu neueren Medien – Grübeln und Zweifeln am Ifl; © Leibniz-Institut für Länderkunde 2014

Danke also an alle TeilnehmerInnen für die Anstöße zum fruchtbaren Grübeln und Zweifeln. Und danke an das IfL für die Forschungswerkstatt als neue Plattform, um von nun an regelmäßig und kollektiv zu grübeln und zu zweifeln (aber nicht als community, was immer das sein soll).

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