Zur Transformation des Kartenmachens im digitalen Zeitalter und der Rolle einer “Kritischen Kartographie”: die Leserbriefdebatte zum Themenheft “sozialwissenschaftliche Kartographie-, GIS- und Geoweb-Forschung”

Die Kartographischen Nachrichten haben in Heft 2/2015 unsere Reaktion (s.u. – hier als *.pdf) auf die lebhafte Debatte veröffentlicht, die unser Themenheft “sozialwissenschaftliche Kartographie-, GIS- und Geoweb-Forschung” ausgelöst hatte.

Zur Transformation des Kartenmachens im digitalen Zeitalter und der Rolle einer „Kritischen Kartographie“: die Leserbriefdebatte zum Themenheft „sozialwissenschaftliche Kartographie-, GIS- und Geoweb-Forschung“

Das von uns moderierte Themenheft der Kartographischen Nachrichten (3/2014) zur sozialwissenschaftlichen Kartographie-, GIS- und Geoweb-Forschung am Beispiel von Forschungsprojekten zu OpenStreetMap hat eine lebhafte Debatte im Leserforum der Kartographischen Nachrichten ausgelöst (siehe die Ausgaben 4/2014 und 5/2014). Angesichts der fundamentalen Transformation von Kartographie und Geoinformation im digitalen Zeitalter mit weitreichenden gesellschaftlichen Konsequenzen erscheint uns eine intensivere Diskussion zwischen akademischer Kartographie und Sozialwissenschaften notwendig und sinnvoll. Vor diesem Hintergrund waren und sind unsere Aufsätze in dem Themenheft als Beiträge für einen solchen Austausch gedacht.

Eine Lektüre der Leserbriefe der Herren Pápay, Rase und Morgenstern zeigt jedoch leider, dass die Autoren dieser Briefe sich eher bemühen, disziplinäre Grenzen zu betonen. Das mag an einigen Missverständnissen liegen, die wir im Folgenden zu klären suchen. Wenig hilfreich für das Verständnis ist jedoch in jedem Fall, wenn unsere Beiträge nur punktuell gelesen und – wie einer der Leserbriefschreiber darstellt – „nach der Lektüre der ersten Spalte beiseitegelegt“ wurden.

Nach der Lektüre der drei Briefe drängt sich der Eindruck auf, dass sich das zentrale Missverständnis an einer bestimmten Vorstellung von Kritischer Kartographie und dabei insbesondere einer bestimmten Vorstellung von Kritik festmacht. Die Leserbriefschreiber scheinen „Kritik“ alltagsweltlich als Suche von Fehlern und Mängeln zu verstehen. Kritischer Sozialwissenschaft geht es aber nicht um Fehler oder Mängel. Wie beispielsweise der französische Historiker und Philosoph Michel Foucault formuliert hat, fragt sozialwissenschaftliche Kritik viel grundsätzlicher danach, auf welchen Annahmen und unhinterfragten Denkweisen akzeptierte Praktiken basieren. Anders formuliert zeigt kritische Sozialwissenschaft auf diese Weise, dass Dinge auch immer anders gemacht werden könnten und Wahrheitsansprüche niemals unhinterfragbar und unveränderbar sind.

Aus einer solchen Perspektive erscheint der im Einleitungsaufsatz des Themenhefts erwähnte Konflikt zwischen dem deutschen Historiker Arno Peters und Vertretern der akademischen Kartographie als ein Konflikt zwischen zwei konkurrierenden Wahrheitsansprüchen: Wie Zeitzeugen berichten und Schriften von Arno Peters belegen, propagierte Arno Peters 1974 „seine“ flächentreue Projektion und „seine“ Weltkarte als „richtiges“ Weltbild und meint: als einzig richtiges Weltbild! Dabei ist den Kollegen Pápay und Rase zuzustimmen, wenn Sie schreiben, dass es in der Kartographie schon im 18. Jh. Konsens war, dass der ellipsoide Erdkörper nicht einfach auf der zweidimensionalen Karte „abgebildet“ werden kann und daher in der Fachdebatte schon viele Jahre vor Peters unterschiedliche Arten der Projektion sowie deren spezifische Vor- und Nachteile diskutiert wurden. Die zeitgenössische Stellungnahme der DGfK zur so genannten Peters-Projektion in der Fachzeitschrift „Geographische Rundschau“ 1981 arbeitet die Komplexität dieser Diskussion allerdings leider nicht heraus. Die Peters-Projektion wurde gerade nicht als ein möglicher Netzentwurf mit spezifischen Vor- und Nachteilen für bestimmte Anwendungen diskutiert, sondern in einer scharfen und abwertenden Form, d. h. polemisch, als „falsch“ bezeichnet und paradoxerweise einer anderen Kartenprojektion gegenübergestellt, die mit „Wirklichkeit“ betitelt ist (siehe auch die Grafik).

Geographische Rundschau 1981Originalabbildung aus: Deutsche Gesellschaft für Kartographie (1981): Die sogenannte Peters-Projektion. In: Geographische Rundschau 33, 334–335.

 Peters selbst hat keine Beiträge zu einer Kritischen Kartographie im oben skizzierten Sinne geliefert. Wie in unserem Einleitungsbeitrag dargestellt, hat die Kontroverse zwischen Peters und der akademischen Kartographie jedoch dazu geführt, dass überhaupt öffentlich über unterschiedliche Karten und Netzentwürfe sowie deren gesellschaftliche Hintergründe gestritten wurde und damit die „Gemachtheit“ und Kontingenz von Karten für eine breite Öffentlichkeit deutlich wurde. Insofern kann diese Kontroverse als Wegbereiter einer Diskussion im Sinne der Kritischen Kartographie gewertet werden.

Wichtige Anstöße für die inzwischen breite und international geführte Debatte um eine „Kritische Kartographie“ stellten insbesondere Publikationen des britisch-amerikanischen Kartographie-Historikers und Geographen John Brian Harley in den 1980er Jahren dar. Danach fragt eine sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Kartographie erstens danach, wie die Herstellung und die Nutzung von Karten immer in spezifische gesellschaftliche Kontexte eingebettet und von diesen beeinflusst sind. Eng damit verknüpft interessiert sie sich zweitens dafür, welche spezifischen Weltbilder, welche Wahrheiten in Karten präsentiert werden – und welche nicht. Sie sensibilisiert damit für Fragen von Macht und Exklusion.

Mit der Digitalisierung und insbesondere der Verbreitung Geographischer Informationssysteme (GIS) ändern sich Prozesse und Techniken der Geoinformation und kartographischen Präsentationen seit einigen Jahrzehnten grundlegend. Die gesellschaftliche Einbettung sowie die Konsequenzen dieser Entwicklung für die Gesellschaft wurden und werden in Fortführung von Ansätzen der Kritischen Kartographie in der überwiegend englischsprachigen Debatte zu „critical GIS“ bzw. „GIS and society“ diskutiert. Seit wenigen Jahren prägen mit dem Geoweb neue Akteure digitale Geoinformationen und kartographische Präsentationen. Zu nennen sind hier einerseits kommerzielle Angebote wie Google Maps sowie Projekte, die mit dem Begriff „volunteered geographic infomation“ charakterisiert werden, wie insbesondere OpenStreetMap.

Wir sind davon überzeugt, dass diese Transformation von Geoinformation und kartographischen Präsentationen nicht einfach als „Öffnung“ oder „Demokratisierung“ gefasst werden kann. Vielmehr entstehen Geoinformationen und kartographische Präsentationen auch im digitalen Zeitalter in sehr spezifischen sozialen Kontexten und (re-)produzieren spezifische Weltbilder. Die sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesen Transformationen steckt aber in weiten Bereichen noch in den Kinderschuhen – insbesondere auch in der deutschsprachigen Debatte. Wir haben uns daher gefreut, dass sich die Kartographischen Nachrichten auch als Forum zur sozialwissenschaftlichen Reflektion dieser Transformation von Geoinformation und Kartographie verstehen.

Georg Glasze, Christian Bittner und Tim Elrick (Institut für Geographie, FAU Erlangen-Nürnberg)

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