Archiv des Autors: Georg Glasze

DFG fördert Forschungsprojekt zu Exklusionen in volunteered geographic information (VGI): OpenStreetMap und WikiMapia in Israel/Palästina

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat unseren Antrag auf Förderung eines Forschungsprojektes genehmigt , in dem wir Prozesse der sozio-technischen Exklusion in volunteered geographic information am regionalen Beispiel Israel/Palästina untersuchen. Bearbeitet wird das Projekt von Dipl.-Geogr. Christian Bittner, der bereits intensiv in die Vorstudien zu dem Projekt eingebunden war.

funded by dfgErste Ergebnisse der Vorstudien sind bereits veröffentlicht. Wir sind sicher, dass die kritische Auseinandersetzung mit digitalen Geographien zu den großen Herausforderungen für die wissenschaftliche Geographie zählt. Wir bedanken uns bei den anonymen Gutachter/Gutachterinnen für ihre Ermutigung und freuen uns, dass die DFG uns unterstützt, dieses Forschungsfeld in den nächsten Jahren weiter zu entwickeln.

Zur Transformation des Kartenmachens im digitalen Zeitalter und der Rolle einer „Kritischen Kartographie“: die Leserbriefdebatte zum Themenheft „sozialwissenschaftliche Kartographie-, GIS- und Geoweb-Forschung“

Die Kartographischen Nachrichten haben in Heft 2/2015 unsere Reaktion (s.u. – hier als *.pdf) auf die lebhafte Debatte veröffentlicht, die unser Themenheft „sozialwissenschaftliche Kartographie-, GIS- und Geoweb-Forschung“ ausgelöst hatte.

Zur Transformation des Kartenmachens im digitalen Zeitalter und der Rolle einer „Kritischen Kartographie“: die Leserbriefdebatte zum Themenheft „sozialwissenschaftliche Kartographie-, GIS- und Geoweb-Forschung“

Das von uns moderierte Themenheft der Kartographischen Nachrichten (3/2014) zur sozialwissenschaftlichen Kartographie-, GIS- und Geoweb-Forschung am Beispiel von Forschungsprojekten zu OpenStreetMap hat eine lebhafte Debatte im Leserforum der Kartographischen Nachrichten ausgelöst (siehe die Ausgaben 4/2014 und 5/2014). Angesichts der fundamentalen Transformation von Kartographie und Geoinformation im digitalen Zeitalter mit weitreichenden gesellschaftlichen Konsequenzen erscheint uns eine intensivere Diskussion zwischen akademischer Kartographie und Sozialwissenschaften notwendig und sinnvoll. Vor diesem Hintergrund waren und sind unsere Aufsätze in dem Themenheft als Beiträge für einen solchen Austausch gedacht.

Eine Lektüre der Leserbriefe der Herren Pápay, Rase und Morgenstern zeigt jedoch leider, dass die Autoren dieser Briefe sich eher bemühen, disziplinäre Grenzen zu betonen. Das mag an einigen Missverständnissen liegen, die wir im Folgenden zu klären suchen. Wenig hilfreich für das Verständnis ist jedoch in jedem Fall, wenn unsere Beiträge nur punktuell gelesen und – wie einer der Leserbriefschreiber darstellt – „nach der Lektüre der ersten Spalte beiseitegelegt“ wurden.

Nach der Lektüre der drei Briefe drängt sich der Eindruck auf, dass sich das zentrale Missverständnis an einer bestimmten Vorstellung von Kritischer Kartographie und dabei insbesondere einer bestimmten Vorstellung von Kritik festmacht. Die Leserbriefschreiber scheinen „Kritik“ alltagsweltlich als Suche von Fehlern und Mängeln zu verstehen. Kritischer Sozialwissenschaft geht es aber nicht um Fehler oder Mängel. Wie beispielsweise der französische Historiker und Philosoph Michel Foucault formuliert hat, fragt sozialwissenschaftliche Kritik viel grundsätzlicher danach, auf welchen Annahmen und unhinterfragten Denkweisen akzeptierte Praktiken basieren. Anders formuliert zeigt kritische Sozialwissenschaft auf diese Weise, dass Dinge auch immer anders gemacht werden könnten und Wahrheitsansprüche niemals unhinterfragbar und unveränderbar sind.

Aus einer solchen Perspektive erscheint der im Einleitungsaufsatz des Themenhefts erwähnte Konflikt zwischen dem deutschen Historiker Arno Peters und Vertretern der akademischen Kartographie als ein Konflikt zwischen zwei konkurrierenden Wahrheitsansprüchen: Wie Zeitzeugen berichten und Schriften von Arno Peters belegen, propagierte Arno Peters 1974 „seine“ flächentreue Projektion und „seine“ Weltkarte als „richtiges“ Weltbild und meint: als einzig richtiges Weltbild! Dabei ist den Kollegen Pápay und Rase zuzustimmen, wenn Sie schreiben, dass es in der Kartographie schon im 18. Jh. Konsens war, dass der ellipsoide Erdkörper nicht einfach auf der zweidimensionalen Karte „abgebildet“ werden kann und daher in der Fachdebatte schon viele Jahre vor Peters unterschiedliche Arten der Projektion sowie deren spezifische Vor- und Nachteile diskutiert wurden. Die zeitgenössische Stellungnahme der DGfK zur so genannten Peters-Projektion in der Fachzeitschrift „Geographische Rundschau“ 1981 arbeitet die Komplexität dieser Diskussion allerdings leider nicht heraus. Die Peters-Projektion wurde gerade nicht als ein möglicher Netzentwurf mit spezifischen Vor- und Nachteilen für bestimmte Anwendungen diskutiert, sondern in einer scharfen und abwertenden Form, d. h. polemisch, als „falsch“ bezeichnet und paradoxerweise einer anderen Kartenprojektion gegenübergestellt, die mit „Wirklichkeit“ betitelt ist (siehe auch die Grafik).

Geographische Rundschau 1981Originalabbildung aus: Deutsche Gesellschaft für Kartographie (1981): Die sogenannte Peters-Projektion. In: Geographische Rundschau 33, 334–335.

 Peters selbst hat keine Beiträge zu einer Kritischen Kartographie im oben skizzierten Sinne geliefert. Wie in unserem Einleitungsbeitrag dargestellt, hat die Kontroverse zwischen Peters und der akademischen Kartographie jedoch dazu geführt, dass überhaupt öffentlich über unterschiedliche Karten und Netzentwürfe sowie deren gesellschaftliche Hintergründe gestritten wurde und damit die „Gemachtheit“ und Kontingenz von Karten für eine breite Öffentlichkeit deutlich wurde. Insofern kann diese Kontroverse als Wegbereiter einer Diskussion im Sinne der Kritischen Kartographie gewertet werden.

Wichtige Anstöße für die inzwischen breite und international geführte Debatte um eine „Kritische Kartographie“ stellten insbesondere Publikationen des britisch-amerikanischen Kartographie-Historikers und Geographen John Brian Harley in den 1980er Jahren dar. Danach fragt eine sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Kartographie erstens danach, wie die Herstellung und die Nutzung von Karten immer in spezifische gesellschaftliche Kontexte eingebettet und von diesen beeinflusst sind. Eng damit verknüpft interessiert sie sich zweitens dafür, welche spezifischen Weltbilder, welche Wahrheiten in Karten präsentiert werden – und welche nicht. Sie sensibilisiert damit für Fragen von Macht und Exklusion.

Mit der Digitalisierung und insbesondere der Verbreitung Geographischer Informationssysteme (GIS) ändern sich Prozesse und Techniken der Geoinformation und kartographischen Präsentationen seit einigen Jahrzehnten grundlegend. Die gesellschaftliche Einbettung sowie die Konsequenzen dieser Entwicklung für die Gesellschaft wurden und werden in Fortführung von Ansätzen der Kritischen Kartographie in der überwiegend englischsprachigen Debatte zu „critical GIS“ bzw. „GIS and society“ diskutiert. Seit wenigen Jahren prägen mit dem Geoweb neue Akteure digitale Geoinformationen und kartographische Präsentationen. Zu nennen sind hier einerseits kommerzielle Angebote wie Google Maps sowie Projekte, die mit dem Begriff „volunteered geographic infomation“ charakterisiert werden, wie insbesondere OpenStreetMap.

Wir sind davon überzeugt, dass diese Transformation von Geoinformation und kartographischen Präsentationen nicht einfach als „Öffnung“ oder „Demokratisierung“ gefasst werden kann. Vielmehr entstehen Geoinformationen und kartographische Präsentationen auch im digitalen Zeitalter in sehr spezifischen sozialen Kontexten und (re-)produzieren spezifische Weltbilder. Die sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesen Transformationen steckt aber in weiten Bereichen noch in den Kinderschuhen – insbesondere auch in der deutschsprachigen Debatte. Wir haben uns daher gefreut, dass sich die Kartographischen Nachrichten auch als Forum zur sozialwissenschaftlichen Reflektion dieser Transformation von Geoinformation und Kartographie verstehen.

Georg Glasze, Christian Bittner und Tim Elrick (Institut für Geographie, FAU Erlangen-Nürnberg)

Neuer Aufsatz: Social and Political Dimensions of the OpenStreetMap project.

In dieser Woche ist der von Jamal Jokar Arsanjani,Alexander Zipf, Peter Mooney und Marco Helbich herausgegebene Sammelband OpenStreetMap in GIScience bei Springer erschienen. Chris Perkins und ich haben darin einen Beitrag publiziert, in dem wir grundsätzlich aus einer politisch- und sozial-geographischen Perspektive über (Forschungs-)Perspektiven auf OpenStreetMap nachdenken:

Glasze, G. & Chr. Perkins (2015): Social and Political Dimensions of the OpenStreetMap project: Towards a Critical Geographical Research Agenda. In: Arsanjani, J. J.; Zipf, A.; Mooney, P. & M. Helbich (eds.): OpenStreetMap in GIScience. Experiences, research, and applications. Lecture notes in geoinformation and cartography, 143–166.

Kritische Kartographie im digitalen Zeitalter – Vortrag in der ERES-Stiftung München (Georg Glasze)

Auf Einladung der ERES-Stiftung München habe ich am 2. März 2015 im Rahmenprogramm der Ausstellung „Weltatlas“ über Ansätze und Relevanz der Kritischen Kartographie im digitalen Zeitalter referiert. Die ERES-Stiftung versteht sich als Forum an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft. Im Projekt „Weltatlas“ hinterfragt der Münchner Künstler Stephan Huber das vermeintlich objektive Ordnungssystem der Kartographie: Er nutzt Teile existierender Karten und collagiert diese mit „erfundenen“ Karten, in denen sich „persönliche Erlebnisse und Erfahrungen sowie philosophische, historische und politische Bezüge niederschlagen“. Das Ergebnis sind ästhetisch beindruckende höchst subjektive Karten, die spielerisch mit den traditionellen Konventionen der Kartographie umgehen (einen Überblick über seine Arbeiten bei der ERES-Stiftung).

Ziel des gut besuchten Vortrages war es zunächst, an Beispielen der traditionellen Printkartographie den Mythos von Karten als „objektives Abbild der Wirklichkeit“ zu hinterfragen und auf Basis der Ansätze der Kritischen Kartographie zu zeigen, dass Karten (und letztlich jegliche Geoinformationen) immer gesellschaftlich und politisch sind.

Literaturhinweise:

  • Glasze, G. (2009): Kritische Kartographie. In: Geographische Zeitschrift 97, 181–191.
  • Glasze, G. (2013): Sozialwissenschaftliche Kartographie-, GIS- und Geoweb-Forschung. In: Kartographische Nachrichten 64.

Big Data

In einem zweiten Schritt habe ich dann zentrale Elemente der Transformation von Kartographie und Geoinformation im digitalen Zeitalter dargestellt und dabei die Schlagworte „big (geo-)data“ und „crowdsourcing“ beleuchtet. So führen die Protokolle von Telekommunikationsverbindungen und Webzugriffen sowie zahlreiche digitale Sensoren dazu, dass immer mehr Daten automatisch erhoben werden und zahlreiche dieser Daten haben einen Geographie-Bezug. Diese neuen Geodaten ermöglichen neue Dienstleistungen wie die Echtzeit-Verkehrsmeldungen bspw. bei Nokia-Here oder Google.

Here

In Teilen der Stadtforschung verbinden sich mit der Flut neuer Geodaten die Hoffnung, soziale Prozesse besser verstehen und effizienter steuern zu können. So arbeitet bspw. ein Team um Mike Batty in London mit Geodaten, die durch die Nutzung der sogenannten Oyster-Card beim Ein- und Auschecken aus dem London Underground entstehen.

Literaturhinweis:

Batty, M. (2013): Big data, smart cities and city planning. In: Dialogues in Human Geography 3, 274–279.

Oyster

Darüber hinaus sind in den letzten Jahren neue Projekte einer „volunteered geographic information“ entstanden, bei denen Freiwillige Geodaten erheben – eines der erfolgreichsten und bekanntesten Projekte dabei ist weltweite, offene Geodatenbank „OpenStreetMap“. Eine Anwendung, die die Potenziale des crowdsourcing veranschaulicht, ist die OpenWheelMap. Hier kann jeder, der die APP nutzt, Orte (Cafés, Behörden, Geschäfte etc.) als rollstuhlgerecht markieren sowie entsprechende Orte suchen und finden.

Wheel

Es wäre jedoch naiv, die neue Flut von digitalen Geodaten nur als Zunahme an Transparenz zu interpretieren: weite Teile dieser Daten sind „proprietär“, d.h. im Privatbesitz und nicht öffentlich zugänglich. Die Verarbeitung zumindest der kommerziellen Anbieter erfolgt mit Algorithmen, die ebenfalls weder für die Wissenschaft noch die weitere Öffentlichkeit eingesehen werden können. Nicht zuletzt verstärkt dies Sorgen um den Schutz privater Informationen.

Und letztlich stellt sich auch für die digitalen Geoinformationen die Frage, wer und was inkludiert und wer und was exkludiert wird. So zeigen verschiedene Studien, dass die Informationen der „volunteered geographic information“ vielfach sozial höchst ungleich sind (siehe die Studien von Mark Graham am Oxford Internet Institute zu Wikipedia > Literaturhinweis sowie das Erlanger Promotionsprojekt von Christian Bittner zu „volunteered geographic information“ in Israel/Palästina).

Literaturhinweise:

  • Graham, M.; Hogan, B.; Straumann, R. K. a. Medhat, A. (2014): Uneven Geographies of User-Generated Information: Patterns of Increasing Informational Poverty. In: Annals of the Association of American Geographers 104 (4): 746-764.
  • Bittner, C. (2014): Reproduktion sozialräumlicher Differenzierungen in OpenStreetMap: das Beispiel Jerusalem. In: Kartographische Nachrichten (3): 136-144.

OSM Jerusalem

Mit anderen Worten: die Prozesse der Erhebung und Kategorisierung von Informationen, damit der In- und Exklusion verändern sich im Zuge der Digitalisierung von Geoinformation und Kartographie – aber sie verschwinden nicht. Notwendig erscheint daher eine kritische Auseinandersetzung mit den jeweiligen gesellschaftlichen Hintergründen digitaler Geoinformation und eine hohe Sensibilität für die Frage, was jeweils „verschwiegen“ wird.

Der Abend schloss mit einer lebendigen und intensiven Diskussion. Mir bleibt vor allem, der ERES-Stiftung dafür zu danken, dass sie sich auf so kreative Weise diesem wichtigen Themenfeld angenommen hat – und Stephan Huber für den wohl ästhetisch passendsten Kontext, den man sich als sozialwissenschaftlicher Kartographie- und Geowebforscher wünschen kann…

Im Vorfeld des Vortrags hatte der BR am 2. März ein kurzes Interview mit mir ausgestrahlt: http://www.br.de/radio/bayern2/kultur/kulturwelt/kw-0203-kulturgeograph-georg-glasze-ueber-kritische-kartografie-100.html. Beindruckt hat mich dabei die professionelle Vorbereitung des BR2-Teams – insbesondere des Redakteurs und Interviewers Knut Cordsen. Auch dafür ein Dankeschön!