Archiv der Kategorie: Exklusionen in VGI

Vortrag: Ungleichheiten in kollaborativen Online-Kartographien

Am 16. Und 17. November hat am Institut für Länderkunde in Leipzig eine Tagung stattgefunden zum Thema „Neogeographie – Kompetente Partizipation oder Illusion von Demokratisierung?“. Dabei ging es  – wie der Veranstaltungstitel bereits andeutet – um die Frage, inwieweit die neueren, interaktiven und kollaborativen Kartographien im Internet als eine „Demokratisierung“ kartographischer Praktiken verstanden werden sollten. Hier standen nicht nur Aspekte der Kartenherstellung im Fokus, sondern es wurde insbesondere auch die Seite der Kartennutzung thematisiert (das Konferenzprogramm ist hier zu finden). Die Veranstaltung war die Abschlusstagung eines Forschungsprojektes zu „Demokratisierung von Expertenwissen – Kartenproduktion und Kartengebrauch in neuen Medienwelten

Toll war, dass an der Tagung sowohl zahlreiche, eher anwendungsorientierte, KartographInnen und InformationswissenschaftlerInnen teilgenommen haben, als auch eher konzeptionell orientierte Geistes- und SozialwissenschaftlerInnen. Dadurch gelang es, einen hilfreichen Austausch zwischen unterschiedlichen Fach-communities herzustellen.

Christian Bittner und Georg Glasze haben einen Vortrag zu „Ungleichheiten in kollaborativen Online-Kartographien: Exklusionsmechanismen jenseits des digital divide“ gehalten. Die zentrale These dieses Beitrages ist, dass die Trennlinie zwischen Teilnehmenden und Ausgeschlossenen von online-Kartographie nicht nur durch sozioökonomische Strukturen geprägt ist, sondern auch durch weitere, z.B. kulturelle und technologische Konstellationen. Als empirisches Beispiel für die These diente ein Vergleich zwischen OpenStreetMap und Wikimapia in Israel und Palästina.

Bei der insgesamt sehr professionell organisierte Tagung wurde zudem visuell durch die berliner Illustratorin Elke Steiner unterstützt, die als live-Zeichnerin beeindruckende Veranschaulichungen der Vorträge und Diskussionen erstellt hat. Unten die Zeichnung zu unserem Beitrag, ein Tagungsbericht mit den übrigen Werken ist hier zu finden.

DFG fördert Forschungsprojekt zu Exklusionen in volunteered geographic information (VGI): OpenStreetMap und WikiMapia in Israel/Palästina

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat unseren Antrag auf Förderung eines Forschungsprojektes genehmigt , in dem wir Prozesse der sozio-technischen Exklusion in volunteered geographic information am regionalen Beispiel Israel/Palästina untersuchen. Bearbeitet wird das Projekt von Dipl.-Geogr. Christian Bittner, der bereits intensiv in die Vorstudien zu dem Projekt eingebunden war.

funded by dfgErste Ergebnisse der Vorstudien sind bereits veröffentlicht. Wir sind sicher, dass die kritische Auseinandersetzung mit digitalen Geographien zu den großen Herausforderungen für die wissenschaftliche Geographie zählt. Wir bedanken uns bei den anonymen Gutachter/Gutachterinnen für ihre Ermutigung und freuen uns, dass die DFG uns unterstützt, dieses Forschungsfeld in den nächsten Jahren weiter zu entwickeln.

„Diverse crowds, diverse VGI – comparing OSM and WikiMapia in Jerusalem“ – Vortrag auf dem AAG Annual Meeting in Chicago

Gemeinsam mit Tim Elrick habe ich die letzte Woche in Chicago auf dem US-amerikanischen Geographentag (AAG Annual Meeting) verbracht. Dies war eine Mega-Veranstaltung mit fast 10.000 TeilnehmerInnen und 4500 Vorträgen in fünf Tagen. Teilweise fanden dort fast 100 Sessions gleichzeitig statt (eine Session dauert 100 Minuten und beinhaltet etwa fünf Vorträge). Eigentlich ist die Geographie zwar so weit ausdifferenziert, dass man sich innerhalb seines eigenen Themenfeldes ein halbwegs überschaubares Tagungsprogramm zusammenstellen kann. Aber wehe dem, der sich wie wir mit Kartographie, GIS, dem GeoWeb und (Big) Spatial Data beschäftigt. Hier bestand ein unbeschreibliches Überangebot. Ich habe bei einer Durchsicht des Programms ganze 106 Sessions gefunden, die sich diesen Themen zuordnen lassen. Selbst aus unserer, eher kritisch-sozialwissenschaftlichen, Perspektive auf die Thematik waren noch etliche Sessions relevant (eine Zusammenstellung findet sich hier). Muki Haklay hat auf seinem blog seine Notizen zu vielen dieser Vorträge gepostet (hier, hier, hier und hier).

Tim und ich haben Vorträge in der Session „OpenStreetMap Studies“ gehalten. Der Aufhänger der Session war die Beobachtung von Muki Haklay, dass OSM häufig voreilig mit der übergeordneten Kategorie „Volunteered Geographic Information“ (VGI), also nutzergenerierten Geodaten allgemein, gleichgesetzt wird. Die Vortragenden waren daher aufgefordert, die Vergleichbarkeit und Verallgemeinerbarkeit von OSM-bezogenen Forschungen zu diskutieren. Der Titel meines Vortrags lautete „Diverse crowds, diverse VGI – comparing OSM and WikiMapia in Jerusalem.

Folie1

Hier habe ich zunächst meine OSM-Fallstudie zu Jerusalem präsentiert, wonach auf OSM die israelisch-säkular geprägten Viertel weitaus besser kartiert sind als israelisch-ultraorthodoxe und arabische Viertel. Diese Studie habe ich mit Daten aus WikiMapia reproduziert, wobei überraschender Weise ein ganz anderes Ergebnis entstanden ist: auf WikiMapia gibt es deutlich mehr Daten zu den arabisch-palästinensischen Vierteln Jersualems als zu den jüdisch-israelischen. Ich habe daher die Vermutung aufgestellt, dass sich auch die soziale Zusammensetzung der beiden mapping communities unterscheidet. All dies stützt letztlich Muki Haklays These, dass man von OSM nicht automatisch auch auf andere crowdsourcing-Kartierprojekte schließen darf. Hinter dem Begriff VGI verbirgt sich eine Vielfalt unterschiedlicher Formen von Geodaten, die möglicherweise von sehr unterschiedlichen Menschen generiert werden.