Archiv der Kategorie: Vorträge

Workshop „Regional conflicts and contested spatial identities in the digital sphere“

Am 3. Und 4. November hat bei uns in Erlangen der Workshop „Regional conflicts and contested spatial identities in the digital sphere“ stattgefunden. Die Veranstaltung war Teil des von der DFG finanzierten Forschungsprojektes „Exklusionen in volunteered geographic information (VGI): OpenStreetMap und WikiMapia in Israel/Palästina“ und befasste sich mit der Frage, inwiefern sich Identitätspolitiken durch die Verbreitung digitaler Medien verändern. Der internationale Workshop wurde in Kooperation mit Elad Segev (Universität Tel Aviv) organisiert. Die insgesamt zehn Beiträgen von TeilnehmerInnen aus Israel, Großbritannien, Frankreich und Deutschland griffen verschiedenste Themen auf, vom Einfluss von Computerspielen auf die Selbst- und Fremdwahrnehmung junger Menschen in Israel und Palästina bis hin zu AfD-nahen Netzwerken auf Twitter im Bundestagswahlkampf.

Veranstaltungsposter

Poster: Regional conflicts and contested spatial identities in the digital sphere

Geoweb-Studien auf dem Deutschen Kongress für Geographie in Tübingen (29.9. – 4.10.)

Auf dem diesjährigen „Deutschen Kongress für Geographie“ (DKG) in Tübingen, waren wir an verschiedenen Sitzungen beteiligt. Auf dem Treffen des Arbeitskreises Politische Geographie hielten Finn Dammann und Georg Glasze den Vortrag „Kartographie, Geoinformation und der souveräne Nationalstaat im 21. Jahrhundert“. Tim Elrick hat zusammen mit Michael Bauder die Fachsitzung „Digitale Geographien erforschen“ organisiert. Hier haben unter anderem Matthias Plennert („Der sozio-technische Hintergrund von social tagging in OpenStreetMap – eine digitale Archäologie“) und Christian Bittner („Geographische Voreingenommenheit und epistemologische Vielfalt von Wikimapia“) Vorträge zu ihren aktuellen Forschungen gehalten. Zudem hat Georg Glasze zusammen mit Marc Böckler eine stark nachgefragte Podiumsdiskussion organisiert mit dem Titel: „Digitale Geographien – Konzeption und Problematisierung einer neuen Teildisziplin“. Diskutanten waren Inga Gryl (Duisburg/Essen), Paul Reuber (Münster), Christoph Schlieder (Bamberg), Harald Sterly (Köln) und Pablo Abend (Köln).

Podiumsdiskussion: Digitale Geographie

Podiumsdiskussion: Digitale Geographien – Konzeption und Problematisierung einer neuen Teildisziplin

Analyzing the hidden backbone of an open-data-project: a genealogy of the OpenStreetMap data model. Vortrag auf dem AAG Annual Meeting in San Francisco.

Ende März konnte ich auf dem AAG Annual Meeting in San Francisco die aktuellen Ergebnisse meiner Forschung präsentieren. Eine Reihe von Sessions mit dem Titel „Toward a Geographical Software Studies“ haben sich der zunehmenden Bedeutung von Software und Informatik im gesellschaftlichen Kontext aus der Perspektive der Geographie gewidmet. In einer dieser Sitzungen mit dem Thema „Language and tools“ habe ich einige Aspekte eines aktuellen Publikationsprojektes vorgestellt.

In meinem Vortrag „Analyzing the Hidden Backbone of an Open-Data-Project. A Genealogy of the OpenStreetMap Data Model” legte ich den Fokus auf einen bestimmten technischen Aspekt in der Entwicklung des OSM-Projekts, welcher immense Wirkungen entfaltete – das Attributierungssystem. Dieses, so mein Argument, wurde durch die Technologie des sogenannten „Social Tagging“ zum wesentlichen Erfolgsfaktor des OSM-Projekts. „Social Tagging“, häufig auch unter dem Begriff „Folksonomies“ bekannt, bezeichnet die kollaborative und offene Verschlagwortung von Inhalten. In OSM bedeutete dies, dass Geodaten ohne ein zuvor spezifiziertes Klassifizierungsschema erhoben und von Nutzern nach eigenem Ermessen mit Semantik versehen werden kann. Dabei zeigte sich jedoch bald, dass „Social Tagging“ nicht nur für die Attributierung von Inhalten beitrug, sondern auch durch seine Flexibilität das Ausgleichen von Unzulänglichkeiten des Datenmodells ermöglichte und somit ganz wesentlich zum Erfolg von OSM als VGI-Projekt beitrug.

Als Analyse führte ich eine Genealogie des Attributierungssystems, also eine Rekonstruktion seiner historischen Entstehung, durch. Dabei legte ich ein besonderes Augenmerk auf die sozialen Aushandlungsprozesse im Entwicklungsprozess, die mit der Fixierung von Technologien verbunden sind. Am Beispiel des „Social Taggings“ wurde mit diese Herangehensweise deutlich, dass die Einführung der Technologie durch eine einzelne Person forciert wurde. Überraschend war dieses Ergebnis insofern, als dass einige andere Technologien in OSM erst nach einem langsamen und zähen Sedimentierungsprozess fixiert wurden. Dadurch zeigten sich die Heterogenität und Unvorhersehbarkeit des Entwicklungsprozesses der OSM-Software, sowie die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit ebendieser. Der Vortrag reihte sich ein in andere Präsentationen, welche ebenfalls mit einer technischen Perspektive versuchten, Software zu verstehen. Dadurch ergaben sich zahlreiche Anknüpfungs- und Diskussionspunkte im Anschluss der Präsentation.

 

Matthias Plennert

Workshop „Sozialwissenschaftlichen Perspektiven auf die Produktion von digitalen Geodaten“

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Das Netzwerk „Digitale Geographie“ veranstaltet den Workshop „Sozialwissenschaftliche Perspektiven auf die Produktion digitaler Geodaten“

Am 18.-20. Februar 2016, Institut für Geographie, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) in Kooperation mit dem Interdisziplinären Zentrum für Digitale Geistes- und Sozialwissenschaften (IZ Digital) an der FAU

Immer mehr digitale Informationen liegen als geographisch lokalisierbare Daten vor. Die Nutzung dieser Geodaten berührt zahlreiche gesellschaftliche Bereiche – vom Konsum- und Produktionsbereich über diverse Infrastrukturen, die Gesundheitsversorgung bis hin zu Spielewelten. Obwohl viele Disziplinen Auswertungsmethoden dieser big spatial data entwickeln, wird die Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Entstehungs-, Produktions- und Verwendungszusammenhängen dieser Daten bislang kaum gesucht. Diese Beobachtung ist Ausgangspunkt einer Serie von Workshops des Netzwerkes „Digitale Geographie“, der zur Etablierung einer solchen sozialwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Geodaten in der deutschsprachigen Geographie und ihren Nachbarwissenschaften beitragen soll.

Der erste Workshop soll Gelegenheit zum Austausch über den Enstehungskontext von Geodaten bieten.

Bei Interesse an einer Teilnahme bitte Christian Bittner (christian.bittner@fau.de) oder Dr. Tim Elrick (tim.elrick@fau.de) kontaktieren.

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Anwendungsreif? Nutzung und Potenzial von digitalen Geodaten für Stadtforschung und Raumbeobachtung – Vortrag auf der Statistischen Woche in Hamburg

Am Donnerstag, den 17. September waren wir eingeladen im Rahmen der Statistischen Woche in Hamburg einen Vortrag zum Thema „Anwendungsreif? Nutzung und Potenzial von digitalen Geodaten für Stadtforschung und Raumbeobachtung“ zu halten. Die Tagung wurde in Kooperation mit dem Verband Deutscher Städtestatistiker (VDst) organisiert und stellte daher dieses Jahr vor allem städtische Themen in den Mittelpunkt. In der Vortragsreihe „Jenseits von Registern und Umfragen: Nutzung und Potenzial von neuen Datenquellen für Planung und Politik“ haben wir einen Einstiegsvortrag in die Thematik gehalten.

Wir präsentierten einen Überblick über die diversen Quellen von digitalen Geodaten, die für die Stadtraumbeobachtung zur Verfügung stehen. Dabei haben wir die unterschiedliche Datengenerierung (institutionalisiert/crowd-sourced) sowie Zugänglichkeit (proprietär/offen) erläutert und sind auf die Versprechen von Big Data eingegangen. Mehrere Fallstudien zeigten die derzeitige Nutzung von digitalen Geodaten in die Stadtforschung. Daraus abgeleitet haben wir die Chancen und Herausforderungen einer Nutzung dieser Daten durch Stadtverwaltungen und Stadtstatistik zusammengefasst.

Daraufhin haben wir diese Herausforderungen und Chancen am Fallbeispiel OpenStreetMap (OSM) konkretisiert. Die Vorteile von OSM-Daten haben wir am Beispiel eines Leerstandsmonitoring sowie einer Evaluierung einer Landnutzungskartierung demonstriert. Gleichzeitig zeigten wir anhand der Diskussion um Datenqualität, insbesondere ausgelöst durch das Long-Tail Phänomen, die Herausforderungen auf. Der Vortrag endete mit möglichen Lösungsansätzen, wie eine hohe Datenqualität bei der besondere Datenstruktur von OSM gewährleistet werden kann.

Der rege Andrang sowie das positive Feedback bestätigten uns die Bedeutung der Thematik sowie die Anschaulichkeit unseres Vortrags.

 

Tim Elrick und Matthias Plennert

Nachlese: Geoweb-Studien auf dem Deutschen Kongress für Geographie (DKG) in Berlin

dkg-2105.logo.headerWir freuen uns, dass sozialwissenschaftliche Betrachtungen von digitalen Geographien immer mehr Interesse auch unter den deutschsprachigen Geograph*innen finden.

Die von Christian Bittner und Tim Elrick angebotene Sitzung zu „Digitaler Geoinformation und Gesellschaft“ zeigte auf, welche spannenden und innovativen Projekte sich inzwischen in der deutschsprachigen Sozial- und Kulturgeographie Fragen der Digitalisierung zugewendet haben. Michael Bauder von der Uni Freiburg zeigt die Fallstricke von automatisierten sozialwissenschaftlichen Schlüssen von georeferenzierten Fotos auf Internetplattformen auf. Matthias Plennert und Georg Glasze wiesen in ihrem Beitrag auf die Notwendigkeit und das Potenzial hin, die „black box“ Software zu öffnen und nach Pfadabhängigkeiten und damit einhergehenden Exklusionen zu suchen. Jörg Scheffer von der Uni Passau versucht, die digital augmentierte Welt mit dem Habitus-Konzept Bourdieus zu verknüpfen und eröffnet so Möglichkeiten über Ungleichheiten nachzudenken. Till Straube von der Uni Frankfurt spürt am Konzept des Geo-Stacks aus der Informationstechnologie der Frage nach, wie sich digitale Technologien räumlich denken lassen; auch er schaut dazu in und hinter die Software.

In der Sitzung von Georg Glasze und Benjamin Hennig, Uni Oxford, wurde unter starker Einbeziehung des Publikums diskutiert, wie „Geographie machen“ theoretisch und methodisch im digitalen Zeitalter gedacht werden kann. Hierzu diskutierten in einem ersten Teil die Teilnehmer die methodischen Herausforderungen in der Forschung: Harald Sterly, Uni Köln, anhand von Mobilfunkdaten, Christian Bittner an OpenStreetMap-Daten und seinen Produsern und Stefan Hennemann, Uni Gießen, an der Visualisierung von Netzwerk-Daten. Im zweiten Teil nahm sich Jörg Kosinski vom IfL in Leipzig das Verhältnis der Fachwissenschaft zu seinen Geographischen Gesellschaften an, das sich ändern müsse und lotete dabei die Potenziale digitaler Medien aus; Tine Trumpp von der Uni Köln stellte die Image-Studie zur deutschen Hochschulgeographie in der Öffentlichkeit des Verbands der Geographen an Deutschen Hochschulen (VGDH) vor und löste eine intensive Debatte über die Öffentlichkeitsarbeit in der Geographie aus, die mit der trockenen Feststellung von Marc Boeckler, Uni Frankfurt, endete: „die Geographie sei schon immer in der Krise“ (was ihr vielleicht auch gut tue). Marc Boeckler beendete die Sitzung mit inspirierenden grundsätzlichen Überlegungen dazu, wie die Digitalisierung die Gesellschaft und sozialräumliche Prozesse transformiert.

„Diverse crowds, diverse VGI – comparing OSM and WikiMapia in Jerusalem“ – Vortrag auf dem AAG Annual Meeting in Chicago

Gemeinsam mit Tim Elrick habe ich die letzte Woche in Chicago auf dem US-amerikanischen Geographentag (AAG Annual Meeting) verbracht. Dies war eine Mega-Veranstaltung mit fast 10.000 TeilnehmerInnen und 4500 Vorträgen in fünf Tagen. Teilweise fanden dort fast 100 Sessions gleichzeitig statt (eine Session dauert 100 Minuten und beinhaltet etwa fünf Vorträge). Eigentlich ist die Geographie zwar so weit ausdifferenziert, dass man sich innerhalb seines eigenen Themenfeldes ein halbwegs überschaubares Tagungsprogramm zusammenstellen kann. Aber wehe dem, der sich wie wir mit Kartographie, GIS, dem GeoWeb und (Big) Spatial Data beschäftigt. Hier bestand ein unbeschreibliches Überangebot. Ich habe bei einer Durchsicht des Programms ganze 106 Sessions gefunden, die sich diesen Themen zuordnen lassen. Selbst aus unserer, eher kritisch-sozialwissenschaftlichen, Perspektive auf die Thematik waren noch etliche Sessions relevant (eine Zusammenstellung findet sich hier). Muki Haklay hat auf seinem blog seine Notizen zu vielen dieser Vorträge gepostet (hier, hier, hier und hier).

Tim und ich haben Vorträge in der Session „OpenStreetMap Studies“ gehalten. Der Aufhänger der Session war die Beobachtung von Muki Haklay, dass OSM häufig voreilig mit der übergeordneten Kategorie „Volunteered Geographic Information“ (VGI), also nutzergenerierten Geodaten allgemein, gleichgesetzt wird. Die Vortragenden waren daher aufgefordert, die Vergleichbarkeit und Verallgemeinerbarkeit von OSM-bezogenen Forschungen zu diskutieren. Der Titel meines Vortrags lautete „Diverse crowds, diverse VGI – comparing OSM and WikiMapia in Jerusalem.

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Hier habe ich zunächst meine OSM-Fallstudie zu Jerusalem präsentiert, wonach auf OSM die israelisch-säkular geprägten Viertel weitaus besser kartiert sind als israelisch-ultraorthodoxe und arabische Viertel. Diese Studie habe ich mit Daten aus WikiMapia reproduziert, wobei überraschender Weise ein ganz anderes Ergebnis entstanden ist: auf WikiMapia gibt es deutlich mehr Daten zu den arabisch-palästinensischen Vierteln Jersualems als zu den jüdisch-israelischen. Ich habe daher die Vermutung aufgestellt, dass sich auch die soziale Zusammensetzung der beiden mapping communities unterscheidet. All dies stützt letztlich Muki Haklays These, dass man von OSM nicht automatisch auch auf andere crowdsourcing-Kartierprojekte schließen darf. Hinter dem Begriff VGI verbirgt sich eine Vielfalt unterschiedlicher Formen von Geodaten, die möglicherweise von sehr unterschiedlichen Menschen generiert werden.

Workshop „Sozialwissenschaftliche Analyse digitaler Geodaten“, 26./27. März 2015, Erlangen

Geodaten-Workshop TeilnehmerInnen Am 26. und 27. März 2015 hatten wir KollegInnen zum Austausch über sozialwissenschaftliche Aspekte der Analyse von Geodaten nach Erlangen eingeladen. Wir sind der Ansicht, dass digitale Daten, die in irgendeiner Form geographisch referenziert sind, für viele gesellschaftliche Bereiche an Bedeutung gewinnen, jedoch gleichzeitig die Wissenschaft sich bisher fast ausschließlich aus technisch-informationswissenschaftlicher Sicht mit dem Themenfeld big spatial data befasst. Der Workshop zielte darauf ab, Perspektiven und Ansätze einer sozialwissenschaftlichen Reflexion „digitaler Geographien“ zu erörtern und gleichzeitig einen diesbezüglichen Diskussionszusammenhang in der deutschsprachigen Forschungslandschaft zu etablieren. Am Workshop nahmen teil: Michael Bauder, Lea Bauer, Christian Bittner, Marc Boeckler,  Tim Elrick, Tilo Felgenhauer, Henning Füller, Georg Glasze, Tom Hoyer, Andreas Keler, Dominik Kremer, Florian Ledermann, Jana Moser, Matthias Plennert, Jörg Scheffer, Harald Sterly, Till Straube,

Auf dem rundum interessanten und erfolgreichen Treffen haben wir vereinbart, uns in Zukunft regelmäßig zu treffen. Das nächste Treffen ist am Deutschsprachigen Kongress für Geographie im Oktober in Berlin geplant. Interessenten können sich gerne noch bei uns melden.

Was war doch gleich das Internet? Diskussionsforum „GeoForschung mit und zu neueren Medien“ im Rahmen der IfL-Forschungswerkstatt

Am 26.-27.02. hat am Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL) in Leipzig die erste IfL-Forschungswerkstatt stattgefunden. Dabei handelt es sich um ein neues Tagungsformat, das den Fokus auf methodische, methodologische und konzeptionelle Fragen legt – eindeutig eine Leerstelle in der deutschsprachigen Geographie. Die Veranstaltung stand unter dem Motto „Zugänge in der raumbezogenen Forschungspraxis: beobachten, reflektieren, ausprobieren.“

Im Rahmen der Forschungswerkstatt durfte ich zusammen mit Lea Bauer und Stephan Pietsch ein Diskussionsforum moderieren, mit dem Titel: „GeoForschung mit und zu neueren Medien: Internet, Web-Kartographie, (Geo-)Datenbanken, Filme.“
Unter den 14 TeilnehmerInnen waren mehrheitlich Promovierende, aber auch Master-Studierende und Post-Docs mit heterogenen theoretischen Perspektiven und Forschungshintergründen – von der verkehrsgeographischen Analyse urbaner Fahrradkultur bis zur Klimawandelfolgenabschätzung.

Das Forum verlief – wie die gesamte Tagung – in sehr entspannter und ungezwungener Atmosphäre. Zunächst haben Lea, Stephan und ich unsere Forschungsthemen und empirischen Zugänge dargestellt und mit den TeilnehmerInnen diskutiert (Lea Bauer arbeitet zu web-Karten politischer Initiativen, Stephan Pietsch zu Raumbildern in Filmen und ich zu web 2.0-Geodatenbanken in Palästina/Israel). Anschließend haben wir Gruppendiskussionen zu übergeordneten Fragen von Methodik und Methodologie internet- und filmbezogener Forschung geführt.

Christian Bittner - Geoforschung mit und zu neueren Medien

Christian Bittner – Geoforschung mit und zu neueren Medien; © Leibniz-Institut für Länderkunde 2014

Es war vorhersagbar und durchaus beabsichtigt, dass wir in diesem Rahmen eher Fragen aufwerfen und nicht beantworten konnten. Im Nachgang lese ich aus der Diskussion drei grundsätzliche und miteinander verbundene Problemkomplexe durch begriffliche Unschärfen für internetbezogene Forschungen heraus (ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Intersubjektivität):

1. Ontologie – oder: was war doch gleich das Internet?
Im Aufbau des Workshops haben wir „das Internet“ als ein (Massen-)Medium unter verschiedenen anderen dargestellt (bspw. Radio, Zeitungen, Fernsehen). Aus dieser Perspektive neigen wir häufig dazu, „internet-bezogene Forschung“ oder „online-Forschung“ als ein irgendwie zusammenhängendes Feld zu begreifen. Ich zum Beispiel fühle mich innerhalb der Geographie mit Leuten verbunden, die „auch zu irgendwas mit Internet“ forschen. Diese Sichtweise ist jedoch (zu?) stark verkürzt, denn je nach Fragestellung oder Blickwinkel können wir uns unter „dem Internet“ sehr verschiedene Dinge vorstellen (etwa eine Infrastruktur, ein Medium, ein Raum, ein Netzwerk, ein normatives Ideal). Selbst wenn man sich im weitesten Sinne auf eine dieser Perspektiven einigt – also etwa „online-Forschung“ aus einer mediengeographischen Perspektive betreibt – beinhaltet dies keine automatische Übertragbarkeit zwischen den jeweiligen Forschungsthemen oder Feldzugängen. Denn das Internet, als eine Art Meta-Medium, beinhaltet sehr unterschiedliche Medienformen (textuelle, visuelle, audio-visuelle, graphische, …). Kurz: Die Idee von „online-Forschung“ kann den Blick auf die Heterogenität hinter dem Begriff verstellen. Es spricht ja auch niemand von „offline-Forschung“.

2. Welche Rolle spielt das Internet eigentlich im Forschungsprozess?
Der Titel unseres Workshops lautete „Geo-Forschung mit und zu neueren Medien…“ So ein Titel ist schnell dahingeschrieben und uns war im Vorhinein nicht wirklich bewusst, wie viele (meist bodenlose) Fässer durch „mit“ und „zu“ geöffnet werden können. Das Internet kann nämlich im Forschungsprozess sehr unterschiedliche Rollen einnehmen. Zunächst spielt es vermutlich bei uns allen eine große Rolle im Wissenschaftsalltag (Recherche, Kommunikation mit KollegInnen, ggf. Textproduktion in cloud-Umgebungen, etc.). Es kann aber auch als Quelle oder Speicher für empirische Daten dienen; oder als Forschungsumgebung (etwa für online-Ethnographien); oder gar als Forschungsobjekt (hiermit spiele ich auf grundsätzliche Fragen zum Verhältnis von Internet und Gesellschaft an). Dann kann ich natürlich das Internet auch noch zur Kommunikation von Forschungsprozessen und -ergebnissen nutzen (bspw. durch einen blog wie diesen hier). Alle diese möglichen Rollen des Internets im Forschungsprozess schließen sich nicht gegenseitig aus – für meine Arbeiten bspw. haben sie alle eine gewisse Relevanz. Sie werfen aber jeweils sehr unterschiedliche Fragen auf: etwa von eher technischen EDV-Kompetenzen, über ethische Richtlinien zum Umgang mit personenbezogenen Informationen bis hin zu methodologischen und theoretischen Problemen bei der Konzeptualisierung und Untersuchung unserer Forschungsgegenstände.

3. Repräsentativität und Reichweite – was sagen online-Daten eigentlich aus?
Insbesondere bei nutzergenerierten Daten wissen wir häufig nicht, wen oder was diese tatsächlich repräsentieren. Bei einer Analyse von mehreren Tausend twitter-Nachrichten kann ich zwar eine beeindruckende Datenmenge verarbeiten, aber ich kann nicht ohne weiteres davon ausgehen, dass diese Stichprobe dem repräsentativen Querschnitt irgendeiner Gesellschaft oder soziodemographischen Gruppe entspricht. Auch haben wir meist begrenzte Anhaltspunkte zu den situativen Entstehungshintergründen der Daten. Welche Aussage kann ich also auf der Grundlage meiner Auswertung treffen? Der diffuse Begriff der „communities“ oder „crowds“, die hinter diesen Plattformen vermutet werden, suggeriert oft irreführende Einheitlichkeit, Vergleichbarkeit und Verallgemeinerbarkeit. Was also ist meine Stichprobe – und aus welcher Grundgesamtheit ziehe ich sie eigentlich? „Online-Forschung“ läuft hier schnell Gefahr, unzulässige Schlüsse zu ziehen.

Diese Punkte sind weder neu noch besonders originell. Sie können letztlich als Mahnung zur strengen Überprüfung der eigenen Annahmen, Kategorien und Begrifflichkeiten verstanden werden, bevor diese sich durch leichtfertig dahingeschriebene und -gesagte Thesen und Neologismen verselbstständigen. In dieser Hinsicht handelt es sich dann auch nicht mehr um „online-spezifische“ Forschungsprobleme, obwohl ich dennoch glaube, dass sie hier besonders markant auftreten.

Geoforschung mit und zu neuren Medien

Geoforschung mit und zu neueren Medien – Grübeln und Zweifeln am Ifl; © Leibniz-Institut für Länderkunde 2014

Danke also an alle TeilnehmerInnen für die Anstöße zum fruchtbaren Grübeln und Zweifeln. Und danke an das IfL für die Forschungswerkstatt als neue Plattform, um von nun an regelmäßig und kollektiv zu grübeln und zu zweifeln (aber nicht als community, was immer das sein soll).

Kritische Kartographie im digitalen Zeitalter – Vortrag in der ERES-Stiftung München (Georg Glasze)

Auf Einladung der ERES-Stiftung München habe ich am 2. März 2015 im Rahmenprogramm der Ausstellung „Weltatlas“ über Ansätze und Relevanz der Kritischen Kartographie im digitalen Zeitalter referiert. Die ERES-Stiftung versteht sich als Forum an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft. Im Projekt „Weltatlas“ hinterfragt der Münchner Künstler Stephan Huber das vermeintlich objektive Ordnungssystem der Kartographie: Er nutzt Teile existierender Karten und collagiert diese mit „erfundenen“ Karten, in denen sich „persönliche Erlebnisse und Erfahrungen sowie philosophische, historische und politische Bezüge niederschlagen“. Das Ergebnis sind ästhetisch beindruckende höchst subjektive Karten, die spielerisch mit den traditionellen Konventionen der Kartographie umgehen (einen Überblick über seine Arbeiten bei der ERES-Stiftung).

Ziel des gut besuchten Vortrages war es zunächst, an Beispielen der traditionellen Printkartographie den Mythos von Karten als „objektives Abbild der Wirklichkeit“ zu hinterfragen und auf Basis der Ansätze der Kritischen Kartographie zu zeigen, dass Karten (und letztlich jegliche Geoinformationen) immer gesellschaftlich und politisch sind.

Literaturhinweise:

  • Glasze, G. (2009): Kritische Kartographie. In: Geographische Zeitschrift 97, 181–191.
  • Glasze, G. (2013): Sozialwissenschaftliche Kartographie-, GIS- und Geoweb-Forschung. In: Kartographische Nachrichten 64.

Big Data

In einem zweiten Schritt habe ich dann zentrale Elemente der Transformation von Kartographie und Geoinformation im digitalen Zeitalter dargestellt und dabei die Schlagworte „big (geo-)data“ und „crowdsourcing“ beleuchtet. So führen die Protokolle von Telekommunikationsverbindungen und Webzugriffen sowie zahlreiche digitale Sensoren dazu, dass immer mehr Daten automatisch erhoben werden und zahlreiche dieser Daten haben einen Geographie-Bezug. Diese neuen Geodaten ermöglichen neue Dienstleistungen wie die Echtzeit-Verkehrsmeldungen bspw. bei Nokia-Here oder Google.

Here

In Teilen der Stadtforschung verbinden sich mit der Flut neuer Geodaten die Hoffnung, soziale Prozesse besser verstehen und effizienter steuern zu können. So arbeitet bspw. ein Team um Mike Batty in London mit Geodaten, die durch die Nutzung der sogenannten Oyster-Card beim Ein- und Auschecken aus dem London Underground entstehen.

Literaturhinweis:

Batty, M. (2013): Big data, smart cities and city planning. In: Dialogues in Human Geography 3, 274–279.

Oyster

Darüber hinaus sind in den letzten Jahren neue Projekte einer „volunteered geographic information“ entstanden, bei denen Freiwillige Geodaten erheben – eines der erfolgreichsten und bekanntesten Projekte dabei ist weltweite, offene Geodatenbank „OpenStreetMap“. Eine Anwendung, die die Potenziale des crowdsourcing veranschaulicht, ist die OpenWheelMap. Hier kann jeder, der die APP nutzt, Orte (Cafés, Behörden, Geschäfte etc.) als rollstuhlgerecht markieren sowie entsprechende Orte suchen und finden.

Wheel

Es wäre jedoch naiv, die neue Flut von digitalen Geodaten nur als Zunahme an Transparenz zu interpretieren: weite Teile dieser Daten sind „proprietär“, d.h. im Privatbesitz und nicht öffentlich zugänglich. Die Verarbeitung zumindest der kommerziellen Anbieter erfolgt mit Algorithmen, die ebenfalls weder für die Wissenschaft noch die weitere Öffentlichkeit eingesehen werden können. Nicht zuletzt verstärkt dies Sorgen um den Schutz privater Informationen.

Und letztlich stellt sich auch für die digitalen Geoinformationen die Frage, wer und was inkludiert und wer und was exkludiert wird. So zeigen verschiedene Studien, dass die Informationen der „volunteered geographic information“ vielfach sozial höchst ungleich sind (siehe die Studien von Mark Graham am Oxford Internet Institute zu Wikipedia > Literaturhinweis sowie das Erlanger Promotionsprojekt von Christian Bittner zu „volunteered geographic information“ in Israel/Palästina).

Literaturhinweise:

  • Graham, M.; Hogan, B.; Straumann, R. K. a. Medhat, A. (2014): Uneven Geographies of User-Generated Information: Patterns of Increasing Informational Poverty. In: Annals of the Association of American Geographers 104 (4): 746-764.
  • Bittner, C. (2014): Reproduktion sozialräumlicher Differenzierungen in OpenStreetMap: das Beispiel Jerusalem. In: Kartographische Nachrichten (3): 136-144.

OSM Jerusalem

Mit anderen Worten: die Prozesse der Erhebung und Kategorisierung von Informationen, damit der In- und Exklusion verändern sich im Zuge der Digitalisierung von Geoinformation und Kartographie – aber sie verschwinden nicht. Notwendig erscheint daher eine kritische Auseinandersetzung mit den jeweiligen gesellschaftlichen Hintergründen digitaler Geoinformation und eine hohe Sensibilität für die Frage, was jeweils „verschwiegen“ wird.

Der Abend schloss mit einer lebendigen und intensiven Diskussion. Mir bleibt vor allem, der ERES-Stiftung dafür zu danken, dass sie sich auf so kreative Weise diesem wichtigen Themenfeld angenommen hat – und Stephan Huber für den wohl ästhetisch passendsten Kontext, den man sich als sozialwissenschaftlicher Kartographie- und Geowebforscher wünschen kann…

Im Vorfeld des Vortrags hatte der BR am 2. März ein kurzes Interview mit mir ausgestrahlt: http://www.br.de/radio/bayern2/kultur/kulturwelt/kw-0203-kulturgeograph-georg-glasze-ueber-kritische-kartografie-100.html. Beindruckt hat mich dabei die professionelle Vorbereitung des BR2-Teams – insbesondere des Redakteurs und Interviewers Knut Cordsen. Auch dafür ein Dankeschön!