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Kritische Kartographie im digitalen Zeitalter – Vortrag in der ERES-Stiftung München (Georg Glasze)

Auf Einladung der ERES-Stiftung München habe ich am 2. März 2015 im Rahmenprogramm der Ausstellung „Weltatlas“ über Ansätze und Relevanz der Kritischen Kartographie im digitalen Zeitalter referiert. Die ERES-Stiftung versteht sich als Forum an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft. Im Projekt „Weltatlas“ hinterfragt der Münchner Künstler Stephan Huber das vermeintlich objektive Ordnungssystem der Kartographie: Er nutzt Teile existierender Karten und collagiert diese mit „erfundenen“ Karten, in denen sich „persönliche Erlebnisse und Erfahrungen sowie philosophische, historische und politische Bezüge niederschlagen“. Das Ergebnis sind ästhetisch beindruckende höchst subjektive Karten, die spielerisch mit den traditionellen Konventionen der Kartographie umgehen (einen Überblick über seine Arbeiten bei der ERES-Stiftung).

Ziel des gut besuchten Vortrages war es zunächst, an Beispielen der traditionellen Printkartographie den Mythos von Karten als „objektives Abbild der Wirklichkeit“ zu hinterfragen und auf Basis der Ansätze der Kritischen Kartographie zu zeigen, dass Karten (und letztlich jegliche Geoinformationen) immer gesellschaftlich und politisch sind.

Literaturhinweise:

  • Glasze, G. (2009): Kritische Kartographie. In: Geographische Zeitschrift 97, 181–191.
  • Glasze, G. (2013): Sozialwissenschaftliche Kartographie-, GIS- und Geoweb-Forschung. In: Kartographische Nachrichten 64.

Big Data

In einem zweiten Schritt habe ich dann zentrale Elemente der Transformation von Kartographie und Geoinformation im digitalen Zeitalter dargestellt und dabei die Schlagworte „big (geo-)data“ und „crowdsourcing“ beleuchtet. So führen die Protokolle von Telekommunikationsverbindungen und Webzugriffen sowie zahlreiche digitale Sensoren dazu, dass immer mehr Daten automatisch erhoben werden und zahlreiche dieser Daten haben einen Geographie-Bezug. Diese neuen Geodaten ermöglichen neue Dienstleistungen wie die Echtzeit-Verkehrsmeldungen bspw. bei Nokia-Here oder Google.

Here

In Teilen der Stadtforschung verbinden sich mit der Flut neuer Geodaten die Hoffnung, soziale Prozesse besser verstehen und effizienter steuern zu können. So arbeitet bspw. ein Team um Mike Batty in London mit Geodaten, die durch die Nutzung der sogenannten Oyster-Card beim Ein- und Auschecken aus dem London Underground entstehen.

Literaturhinweis:

Batty, M. (2013): Big data, smart cities and city planning. In: Dialogues in Human Geography 3, 274–279.

Oyster

Darüber hinaus sind in den letzten Jahren neue Projekte einer „volunteered geographic information“ entstanden, bei denen Freiwillige Geodaten erheben – eines der erfolgreichsten und bekanntesten Projekte dabei ist weltweite, offene Geodatenbank „OpenStreetMap“. Eine Anwendung, die die Potenziale des crowdsourcing veranschaulicht, ist die OpenWheelMap. Hier kann jeder, der die APP nutzt, Orte (Cafés, Behörden, Geschäfte etc.) als rollstuhlgerecht markieren sowie entsprechende Orte suchen und finden.

Wheel

Es wäre jedoch naiv, die neue Flut von digitalen Geodaten nur als Zunahme an Transparenz zu interpretieren: weite Teile dieser Daten sind „proprietär“, d.h. im Privatbesitz und nicht öffentlich zugänglich. Die Verarbeitung zumindest der kommerziellen Anbieter erfolgt mit Algorithmen, die ebenfalls weder für die Wissenschaft noch die weitere Öffentlichkeit eingesehen werden können. Nicht zuletzt verstärkt dies Sorgen um den Schutz privater Informationen.

Und letztlich stellt sich auch für die digitalen Geoinformationen die Frage, wer und was inkludiert und wer und was exkludiert wird. So zeigen verschiedene Studien, dass die Informationen der „volunteered geographic information“ vielfach sozial höchst ungleich sind (siehe die Studien von Mark Graham am Oxford Internet Institute zu Wikipedia > Literaturhinweis sowie das Erlanger Promotionsprojekt von Christian Bittner zu „volunteered geographic information“ in Israel/Palästina).

Literaturhinweise:

  • Graham, M.; Hogan, B.; Straumann, R. K. a. Medhat, A. (2014): Uneven Geographies of User-Generated Information: Patterns of Increasing Informational Poverty. In: Annals of the Association of American Geographers 104 (4): 746-764.
  • Bittner, C. (2014): Reproduktion sozialräumlicher Differenzierungen in OpenStreetMap: das Beispiel Jerusalem. In: Kartographische Nachrichten (3): 136-144.

OSM Jerusalem

Mit anderen Worten: die Prozesse der Erhebung und Kategorisierung von Informationen, damit der In- und Exklusion verändern sich im Zuge der Digitalisierung von Geoinformation und Kartographie – aber sie verschwinden nicht. Notwendig erscheint daher eine kritische Auseinandersetzung mit den jeweiligen gesellschaftlichen Hintergründen digitaler Geoinformation und eine hohe Sensibilität für die Frage, was jeweils „verschwiegen“ wird.

Der Abend schloss mit einer lebendigen und intensiven Diskussion. Mir bleibt vor allem, der ERES-Stiftung dafür zu danken, dass sie sich auf so kreative Weise diesem wichtigen Themenfeld angenommen hat – und Stephan Huber für den wohl ästhetisch passendsten Kontext, den man sich als sozialwissenschaftlicher Kartographie- und Geowebforscher wünschen kann…

Im Vorfeld des Vortrags hatte der BR am 2. März ein kurzes Interview mit mir ausgestrahlt: http://www.br.de/radio/bayern2/kultur/kulturwelt/kw-0203-kulturgeograph-georg-glasze-ueber-kritische-kartografie-100.html. Beindruckt hat mich dabei die professionelle Vorbereitung des BR2-Teams – insbesondere des Redakteurs und Interviewers Knut Cordsen. Auch dafür ein Dankeschön!

Maps & Mosques – (k)eine kleine Signatur…

Eine kleine SignaturUnter dem Titel „Maps & Mosques – (k)eine kleine Signatur und die Transformation von Geoinformation und Kartographie im digitalen Zeitalter“ sind wir, Tim Elrick und Georg Glasze, auf der Neuen Kulturgeographie Tagung in Bamberg am 31. Januar 2015 angetreten, die unter dem Motto der „Geographien des Kleinen“ stand.

Wir gehen von der Beobachtung aus, dass die amtliche Geodaten-Verwaltung und Kartographie in Deutschland zwar spezifische Signaturen für christliche Kirchen, aber bis heute keine für die Gebetshäuser anderer Religionen (wie bspw. Synagogen und Moscheen) vorhält. Das Bundesamt für Kartographie hat zwar 2014 diesen Vorschlag oben links zur Signaturierung von Moscheen (und in ähnlicher Weise auch für Synagogen) vorgelegt – die Arbeitsgemeinschaft der Vermessungsverwaltungen der Länder hat sich diesem Vorschlag aber bislang nicht angeschlossen… Damit werden weiterhin Kirchen auf den amtlichen Karten im Zuge der Generalisierung hervorgehoben, die Gebetshäuser anderer Religionen hingegen regelmäßig „verschwiegen“: Die Yavuz-Sultan-Selim-Moschee, eine der großen und repräsentativen Moscheen in Deutschland am Luisenring in Mannheim fehlt zum Beispiel auf der amtlichen Topographischen Karte 1:50.000, wohingegen die benachbarte Liebfrauenkirche eingetragen ist.

Mannheim_TK50_annotiert Vergleichendes Luftbild derzeit nicht verfügbar.
Quelle (Karte): TK50 Blatt Mannheim 2011,Landesamt für Geoinformation und Landentwicklung; Quelle (Foto): Bing Maps 2015

Mit dem Boom von kommerziellen Angeboten der Geoinformation und kartographischen (Re-)Präsentation (wie Google-Maps, Bing-Maps, Nokia-Here) sowie Projekten mit „crowd„-basierter „volunteered geographic information“ (wie insbesondere OpenStreetMap) hat die amtliche Geodaten-Verwaltung und Kartographie allerdings ihre privilegierte Position weitgehend eingebüßt.

Ausgehend von der Frage nach der (Re-)Präsentation von Gebetshäusern fragt der Vortrag vor diesem Hintergrund grundsätzlich danach, wie sich die Praktiken und sozio-technischen Prozesse der Erhebung, Kategorisierung, Organisation und Nutzung von Geodaten im digitalen Zeitalter verändern.

Wir haben uns über die gut besuchte Session und die spannenden Kommentare zu unserem Vortrag gefreut. Insbesondere den Hinweis von Andreas Pott, dass wir mit unserem Moschee-Beispiel Gefahr laufen, in die „Repräsentationsfalle“ zu tappen (d.h. das wir die Karte dabei als „Repräsentation“ einer gegebenen Wirklichkeit betrachten) fanden wir hilfreich und anregend für die weitere Arbeit am Thema.

Wer mehr zum Thema lesen will:

  • Elrick, Tim (2014): Sozialwissenschaftliche tag-Analyse mit OpenStreetMap-Daten am Beispiel religiöser Andachtsstätten in Deutschland. In: Kartographische Nachrichten 64 (3), S. 152–156.
  • Glasze, Georg (2009): Kritische Kartographie. In: Geographische Zeitschrift 97 (4), S. 181 – 191.