Sprachgeographie in OpenStreetMap

Eine geolinguistische Metadaten-Analyse

abgeschlossene Masterarbeit von Finn Dammann

Projektbeschreibung:

Die dezentralen Organisationsstrukturen und nutzergenerierten Inhalte im Web 2.0 stellen eine ganz neue Form der Wissensproduktion dar. Es ist nun möglich, dass unterschiedliche, sich ergänzende oder widersprechende Sichtweisen aus einer Vielzahl von Stimmen nebeneinander bestehen und komplexe Repräsentationen von Wirklichkeit konstruieren. Im Kontext des Geowebs spielen dabei VGI-Projekte eine wichtige Rolle, in denen eine kollektive Autorenschaft lokales Wissen zusammenträgt, welches sich zu einer Repräsentation des geographischen Raumes zusammensetzt. Studien der letzte Jahre haben gezeigt, dass das demokratische Potenzial dieser Projekte nicht in dem Maße ausgeschöpft wird, wie es theoretisch möglich wäre: Hierarchische Muster in Datendichte und Nutzerpartizipation weisen darauf hin, dass auch eine kollektive Autorenschaft nicht frei von konventionellen Wahrnehmungsmustern Wissen produziert. Sprache übernimmt hier, gleichzeitig als Zugang und Barriere zu Informationen, eine zentrale Funktion für die Partizipation. In diesem Zusammenhang untersuchte die Masterarbeit aus einer geolinguistischen Perspektive die Rolle von Sprache als Zugangsbarriere für die Nutzerpartizipation am Beispiel OpenStreetMap. Über Analysen zu Partizipationsstärken linguistischer Gruppen und geolinguistischer Muster auf unterschiedlichen Maßstabsebenen konnten Dominanzen einzelner Sprachen erkannt und vielschichtige Sprachbarrieren ausgemacht werden.

Projektbeteiligte:

Finn Dammann, Dipl-Geogr. Christian Bittner, Prof. Dr. Georg Glasze

DominanteSprachenWeltweitOSM

Dominierende Sprachen in OSM changeset-Kommentaren pro Land weltweit – Datengrundlage bis 01. Juni 2015 (Eigene Darstellung)

Zusammenfassung der Ergebnisse:

Auf Basis einer automatisierten Sprachidentifikation von Nutzerkommentaren zu georeferenzierten OSM-Änderungssätzen (changesets) erfasste die empirische Fallstudie die Sprachgeographie eines VGI-Kommunikationsmediums in ihrer zeitlichen und räumlichen Dynamik auf unterschiedlicher Maßstabsebene. Die Ergebnisse zeigen, dass die kollektive Autorenschaft in OSM nicht in dem Maß zu einer Polyphonie von Sprachen, Wissen und Repräsentationen führt, wie es theoretisch möglich wäre: Die weltweiten Dominanzen einzelner Sprachen, wie Spanisch, Französisch und Russisch, die Reproduktion postkolonialer Muster und schließlich die Omnipräsenz der englischen Sprache verhindern bzw. erschweren vielerorts eine lokale Partizipation. Dabei am stärksten betroffen sind Sprachräume im globalen Süden, in denen vorrangig nicht-lokale Sprachen und/oder ehemalige Kolonialsprachen dominieren und die sich zudem durch eine geringe Datendichte auszeichnen. Als Zugangsbarriere zu VGI-Projekten kann sich Sprache auf Qualität, Aktualität und Dichte von Daten und schließlich auf die digitale Repräsentation und Sichtbarkeit von Orten auswirken. Dabei sind es auch strukturelle Elemente in OSM selbst, die zu einer gewissen Normierung von Sprachen beitragen: So stehen zentrale Wiki-Einträgeundhäufig genutzte Editionsprogramme in nur wenigen Sprachen zur Verfügung.

VerteilungChangesetsWeltweitOSM

Abbildung 2: Geographische Verteilung von rund 32 Millionen changesets – Datengrundlage bis 01. Juni 2015 (Eigene Darstellung)