Nachlese: Geoweb-Studien auf dem Deutschen Kongress für Geographie (DKG) in Berlin

dkg-2105.logo.headerWir freuen uns, dass sozialwissenschaftliche Betrachtungen von digitalen Geographien immer mehr Interesse auch unter den deutschsprachigen Geograph*innen finden.

Die von Christian Bittner und Tim Elrick angebotene Sitzung zu „Digitaler Geoinformation und Gesellschaft“ zeigte auf, welche spannenden und innovativen Projekte sich inzwischen in der deutschsprachigen Sozial- und Kulturgeographie Fragen der Digitalisierung zugewendet haben. Michael Bauder von der Uni Freiburg zeigt die Fallstricke von automatisierten sozialwissenschaftlichen Schlüssen von georeferenzierten Fotos auf Internetplattformen auf. Matthias Plennert und Georg Glasze wiesen in ihrem Beitrag auf die Notwendigkeit und das Potenzial hin, die „black box“ Software zu öffnen und nach Pfadabhängigkeiten und damit einhergehenden Exklusionen zu suchen. Jörg Scheffer von der Uni Passau versucht, die digital augmentierte Welt mit dem Habitus-Konzept Bourdieus zu verknüpfen und eröffnet so Möglichkeiten über Ungleichheiten nachzudenken. Till Straube von der Uni Frankfurt spürt am Konzept des Geo-Stacks aus der Informationstechnologie der Frage nach, wie sich digitale Technologien räumlich denken lassen; auch er schaut dazu in und hinter die Software.

In der Sitzung von Georg Glasze und Benjamin Hennig, Uni Oxford, wurde unter starker Einbeziehung des Publikums diskutiert, wie „Geographie machen“ theoretisch und methodisch im digitalen Zeitalter gedacht werden kann. Hierzu diskutierten in einem ersten Teil die Teilnehmer die methodischen Herausforderungen in der Forschung: Harald Sterly, Uni Köln, anhand von Mobilfunkdaten, Christian Bittner an OpenStreetMap-Daten und seinen Produsern und Stefan Hennemann, Uni Gießen, an der Visualisierung von Netzwerk-Daten. Im zweiten Teil nahm sich Jörg Kosinski vom IfL in Leipzig das Verhältnis der Fachwissenschaft zu seinen Geographischen Gesellschaften an, das sich ändern müsse und lotete dabei die Potenziale digitaler Medien aus; Tine Trumpp von der Uni Köln stellte die Image-Studie zur deutschen Hochschulgeographie in der Öffentlichkeit des Verbands der Geographen an Deutschen Hochschulen (VGDH) vor und löste eine intensive Debatte über die Öffentlichkeitsarbeit in der Geographie aus, die mit der trockenen Feststellung von Marc Boeckler, Uni Frankfurt, endete: „die Geographie sei schon immer in der Krise“ (was ihr vielleicht auch gut tue). Marc Boeckler beendete die Sitzung mit inspirierenden grundsätzlichen Überlegungen dazu, wie die Digitalisierung die Gesellschaft und sozialräumliche Prozesse transformiert.

Aus Politik und Zeitgeschichte (APUZ) Heft 41/42: Beitrag zu“Neue Kartographien, neue Geographien: Weltbilder im digitalen Zeitalter“

Die APUZ beschäftigt sich in ihrem Oktober 2015-Heft mit Weltbildern. In meinem Beitrag frage ich danach, welche Weltbilder im Kontext von Neo-Kartographien und Neo-Geographien entstehen. Leider orientiert sich die Redaktion eng an den Vorschlägen des Duden und war daher nicht vom „f“ in Geographie und Kartographie abzubringen ;-).

APUZ Weltbilder

Vorträge zur „Macht der Karten“ in Bayreuth und Essen – September 2015

Am 15. September habe ich im Rahmen des vom Auswärtigen Amt geförderten „Ukrainian-German-Polish moving seminar” der Geographie-Institute in Bayreuth und Lviv (Ukraine) einen Vortrag unter dem Titel „Producing geographies with geoinformation and cartographic (re-)presentations“ gehalten. Im Mittelpunkt des „moving seminar“ stand die Auseinandersetzung mit Grenzen und Territorialität – es ordnet sich damit auch hervorragend in den Schwerpunkt der Bamberg-Bayreuth-Erlangen-Kooperation der nordbayerischen Humangeographien ein. Ein Schwerpunkt des Vortrages lag daher auf der Produktion von Territorialität und Grenzen in Karten und Geoinformation (die Abbildung zeigt die unterchiedliche Darstellung der Halbinsel Krim in Google Maps – Google differenziert die Präsentation von Grenzen je nach Standort des abfragenden Rechners).

KrimIn dem Vortrag vor der Essener Geographisch-Geologischen Gesellschaft am 24. September standen in noch höherem Maße die Transformationen von Kartographie und Geoinformation im digitalen Zeitalter im Mittelpunkt.

Geoweb-Studien auf dem Deutschen Kongress für Geographie in Berlin

Auf dem Deutschen Kongress für Geographie widmen sich zahlreiche Vorträge und Fachsitzungen aus verschiedenen „geographischen“ Perspektiven Fragestellungen zu den Hintergründen und Konsequenzen der fortschreitenden Digitalisierung. Das Team der Erlanger Kulturgeographie ist beteiligt an folgenden Veranstaltungen:

  • Netzwerktreffen „Digitale Geographie“; Mi. 30. September; 13:30 bis 16:00 Uhr in der Dorotheenstr. 24, Berlin im Raum 1.308
  • Fachsitzung „Digitale Geoinformation und Gesellschaft“; Fr, 2. Okt;13:30 – 16:00; HG-2095A
  • Diskussionsforum: „Geographie machen im digitalen Zeitalter“; Fr., 2. Okt.; 16:30 – 19:00; HG-2014A

Geplanter Ablauf

16.30-16-40: Begrüßung (Georg Glasze & Benjamin Hennig)

16.40-16.50 Impulsvortrag Harald Sterly: Big Data in der Geographie – Analyse von Mobilfunkdaten im Entwicklungskontext

In einem Proof of Koncept wird gezeigt, dass Mobilkommunikationsdaten dazu genutzt können, um urbane Bevölkerungsverteilung besser abschätzen zu können.

16.50-17.00 Impulsvortrag Christian Bittner: Forschungspraktische Herausforderungen für kritische Geoweb-Studien

Der Vortrag diskutiert methodologische, methodische und forschungsethische Herausforderungen für kritische Geoweb-Studien.

17.00-17.10 Impulsvortrag Stefan Hennemann: Der Gordische Knoten in der Visualisierung geographischer Netzwerkdaten

Der Vortrag skizziert den Forschungsstand zur visuellen Exploration und kartographischen Präsentation geographischer Netzwerke.

17.10-17.20 Impulsvortrag Eric Losang: Do it yourself? Die Transgressivität kartographischen Wissens

In den vergangen 10 Jahren hat sich Darstellung geographischer Information stetig von den Grundsätzen der traditionellen Kartographie entfernt. Welche Position kann ihr im Umgang mit räumlicher Information zugeschrieben werden?

 17.20-17.40 Diskussion und Überleitung zweiter Teil

 17.40-17.50 Impulsvortrag Jörg Kosinski, Anne Herrmann, Sebastian Lentz, Jana Moser: Räume vermitteln über Vermittlungsräume?! Neue Ansätze für Wissenstransfer

Das Leibniz-Institut für Länderkunde entwickelt im Projekt „Neue Vermittlungsräume“ zusammen mit Geographischen Gesellschaften neue Möglichkeiten der Kooperation zwischen Wissenschaft und Praxis.

17.50-18.00 Impulsvortrag Tine Trumpp: Geographie und Öffentlichkeitsarbeit im digitalen Zeitalter

18.00-18.10 Impulsvortrag Marc Boeckler: Digitale Geographie und die Algorithmisierung von Gesellschaft

 18-15-19.00 Diskussionsrunde: Geographie machen im digitalen Zeitalter

DFG fördert Forschungsprojekt zu Exklusionen in volunteered geographic information (VGI): OpenStreetMap und WikiMapia in Israel/Palästina

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat unseren Antrag auf Förderung eines Forschungsprojektes genehmigt , in dem wir Prozesse der sozio-technischen Exklusion in volunteered geographic information am regionalen Beispiel Israel/Palästina untersuchen. Bearbeitet wird das Projekt von Dipl.-Geogr. Christian Bittner, der bereits intensiv in die Vorstudien zu dem Projekt eingebunden war.

funded by dfgErste Ergebnisse der Vorstudien sind bereits veröffentlicht. Wir sind sicher, dass die kritische Auseinandersetzung mit digitalen Geographien zu den großen Herausforderungen für die wissenschaftliche Geographie zählt. Wir bedanken uns bei den anonymen Gutachter/Gutachterinnen für ihre Ermutigung und freuen uns, dass die DFG uns unterstützt, dieses Forschungsfeld in den nächsten Jahren weiter zu entwickeln.

Vernetzungs-Workshop „Digitale Geoinformation“ im IZ Digital

Am Freitag, 19. Juni 2015 hatte unsere Arbeitsgruppe die Chance ergriffen, unsere Themen und Methoden den Mitgliedern und Interessierten des Interdisziplinären Zentrums „Digitale Geistes- und Sozialwissenschaften“ an der FAU (IZ Digital) vorzustellen. Das IZ Digital ist ein im Juli 2014 gegründetes Netzwerk von Wissenschaftlern aus den Geistes-, Sozial- und Informationstechnischen Fachbereichen unserer Universität zur Förderung der Kooperation in den Digitalen Geistes- und Sozialwissenschaften (digital humanities und digital social sciences). Um die Potenziale der einzelnen Fachbereiche kennenzulernen, bieten die Mitglieder Vernetzungs-Workshops an. Auf dem zur „Digitalen Geoinformation und Visualisierung von (Geo)-Daten“ haben Sebastian Feick eine Einführung in Geographische Informationssysteme (GIS) und Fernerkundung, Tim Elrick und Georg Glasze zu gesellschaftswissenschaftlichen Perspektiven auf Geodaten, sowie Franziska Bertelshofer, Christian Bittner und Matthias Plennert zur Visualisierung von (Geo-)Daten geboten. Die Vorträge lösten erfreulich rege Diskussionen zu Themen und Methoden aus, und es wurde über Einsatzmöglichkeiten in Forschungsprojekten anderer Disziplinen gesprochen. Wir freuen uns auf zukünftige Kooperation mit unseren KollegInnen aus den Sozial- und Geisteswissenschaften sowie der Informatik.

Methoden-Workshop zur digitalen Geographie

Im Rahmen des von der Volkswagen-Stiftung geförderten Projekts zu „The Struggle over Identity, Morality, and Public Space in Middle Eastern Cities“, an dem auch der Lehrstuhl für Kulturgeographie beteiligt ist, empfingen im wir im Juni die DoktorandInnen Nina Nowar, Abdulsallam Alrubadi (Universität Sanaa, Yemen) und Oussama Bouffrikha (Universität Sousse, Tunesien) vom EZIRE (Erlanger Zentrum für Islam und Recht in Europa). Auf der Basis unserer Arbeiten im Bereich der „digitalen Geographie“ konnten wir den arabischen DoktorandInnen einführende Methoden-Workshops in den Bereichen computergestützte Textanalyseverfahren (QDA, Lexikometrie)sowie Geographische Informationssysteme anbieten.

Im ersten Teil des gemeinsamen Workshops wurde das Augenmerk auf den Umgang mit sozialwissenschaftlicher Software bei der Bearbeitung geodatenbezogener Fragestellungen gerichtet. Mithilfe der Software „atlas.ti“ wurden am ausgewählten Material semantische Netzwerke und Codes im Sinne einer grounded theory erstellt, welche sich über ein neues Programmfeature georeferenzieren lassen. Dies ermöglicht eine komplexe Relationierung von Geodaten und symbolischen Ordnungen. Der zweite Schwerpunkt dieser Einheit lag in der Vermittlung lexikometrischer Methoden. Hierbei geht es um die Untersuchung quantitativer Beziehungen lexikalischer Elemente in digitalen Textkorpora, welche im Zuge der Digitalisierung immer weiterer gesellschaftlicher Bereiche immer zugänglicher werden und neue Forschungs-Perspektiven eröffnen. Gemeinsam wurden statistisch häufige und signifikante Vorkommen von Begriffsbeziehungen rund um Toponyme errechnet. Die i.d.R. sehr umfänglichen Datenmengen geben so etwa Aufschluss über die zeitlich wandelnde Konnotation von Toponymen und deren Nähe zu anderen Begriffen.

Der zweite Teil des Workshops hatte eine Einführung in Geographische Informationssysteme (GIS) zum Ziel, wobei insbesondere mit dem Software-Paket „ArcMap“ von Esri gearbeitet wurde. Dabei wurde der gesamte Prozess der Kartenerstellung anhand verschiedener Beispiele bearbeitet. Begonnen wurde mit Methoden der Datenerhebung und -gewinnung, wie das Kartieren „im Feld“ mit Hilfe von GPS-Geräten oder das Digitalisieren von Geodaten auf Grundlage von Luft- und Satellitenbildern. Zudem wurden die erhobenen Daten verarbeitet und visualisiert, um sie sinnvoll in der eigenen Forschung einsetzen zu können. Dabei dienten offen verfügbare Kartenanwendungen, wie beispielsweise OpenStreetMap, als hilfreiche Darstellungsgrundlage. Ziel war es, räumliche Informationen ohne größeren Aufwand sinnvoll kontextualisieren zu können. Nachdem die Grundzüge von GIS anhand des „ArcMap“ Software-Pakets erläutert wurden, wurde ergänzend das Open Source Projekt „QGIS“ vorgestellt. Da viele geographische, bzw. kartographische Konventionen in den meisten GIS vergleichbar sind, ist es ohne umfangreiches Einarbeiten möglich, verschiedene Anwendungen zu verwenden.

Wir hoffen wir konnten unseren Gästen eine erfolgreiche Einführung in unsere Methoden geben, sodass Sie diese sinnvoll in Ihrer Arbeit einsetzen können!

Andreas Tijé-Dra und Matthias Plennert

Zwei Beiträge aus Lehrforschungsprojekten zu Crisis Mapping und E-Partizipation

Im aktuellen Band der Mitteilungen der Fränkischen Geographischen Gesellschaft sind zwei Aufsätze erschienen, die wir gemeinsam mit Master-Studierenden im Rahmen einer Lehrforschung erarbeitet haben. Die Lehrforschung lief unter dem Titel „Potentiale und Grenzen kollaborativer Kartographieprojekte im Krisenmanagement und in der Stadtentwicklung.“ Die Studierenden bildeten zwei Arbeitsgruppen zu den Themen Crisis Mapping und Stadtentwicklung. Das Projekt zu Crisis Mapping wurde von Georg Glasze und Cate Turk betreut. Hier haben sich die Studiereneden mit kollaborativer Krisenkartographie im Rahmen der politischen Umbrüche in Libyen und Syrien auseinandergesetzt:

Schmitt, M., Gottschlich, F., Schäfer, W., Turk, C., Glasze, G., 2014. Crisis Mapping – Eine empirische Untersuchung zu Strukturen und Praktiken partizipativer Krisen- und Konfliktkartographien während der Umbrüche in Libyen und Syrien 2011–2013. Mitteilungen der Fränkischen Geographischen Gesellschaft 60, 57–76.

Im Projekt zur Stadtentwicklung haben die Studierenden, betreut von Benedikt Orlowski und mir Potentiale und Grenzen der E-Partizipation in stadtplanerischen Prozessen erforscht:

Franz, K., Haidl, Isabella, Hartmann, Kerstin, Lehnhoff, F., Riedmann, S., et al., 2014. E-Partizipation als neuer Impuls in stadtplanerischen Prozessen? Von den Visionen der Stadtplanenden zu den Utopien der BürgerInnen. Mitteilungen der Fränkischen Geographischen Gesellschaft 60, 43–56.

Vielen Dank nochmal an alle Beteiligten für das Engagement!

Zudem finden sich in dem Band weitere Artikel zu digital-geographischen Themen, von Sarah Elwood, Benjamin Hennig, und weiteren mehr…

Zur Transformation des Kartenmachens im digitalen Zeitalter und der Rolle einer „Kritischen Kartographie“: die Leserbriefdebatte zum Themenheft „sozialwissenschaftliche Kartographie-, GIS- und Geoweb-Forschung“

Die Kartographischen Nachrichten haben in Heft 2/2015 unsere Reaktion (s.u. – hier als *.pdf) auf die lebhafte Debatte veröffentlicht, die unser Themenheft „sozialwissenschaftliche Kartographie-, GIS- und Geoweb-Forschung“ ausgelöst hatte.

Zur Transformation des Kartenmachens im digitalen Zeitalter und der Rolle einer „Kritischen Kartographie“: die Leserbriefdebatte zum Themenheft „sozialwissenschaftliche Kartographie-, GIS- und Geoweb-Forschung“

Das von uns moderierte Themenheft der Kartographischen Nachrichten (3/2014) zur sozialwissenschaftlichen Kartographie-, GIS- und Geoweb-Forschung am Beispiel von Forschungsprojekten zu OpenStreetMap hat eine lebhafte Debatte im Leserforum der Kartographischen Nachrichten ausgelöst (siehe die Ausgaben 4/2014 und 5/2014). Angesichts der fundamentalen Transformation von Kartographie und Geoinformation im digitalen Zeitalter mit weitreichenden gesellschaftlichen Konsequenzen erscheint uns eine intensivere Diskussion zwischen akademischer Kartographie und Sozialwissenschaften notwendig und sinnvoll. Vor diesem Hintergrund waren und sind unsere Aufsätze in dem Themenheft als Beiträge für einen solchen Austausch gedacht.

Eine Lektüre der Leserbriefe der Herren Pápay, Rase und Morgenstern zeigt jedoch leider, dass die Autoren dieser Briefe sich eher bemühen, disziplinäre Grenzen zu betonen. Das mag an einigen Missverständnissen liegen, die wir im Folgenden zu klären suchen. Wenig hilfreich für das Verständnis ist jedoch in jedem Fall, wenn unsere Beiträge nur punktuell gelesen und – wie einer der Leserbriefschreiber darstellt – „nach der Lektüre der ersten Spalte beiseitegelegt“ wurden.

Nach der Lektüre der drei Briefe drängt sich der Eindruck auf, dass sich das zentrale Missverständnis an einer bestimmten Vorstellung von Kritischer Kartographie und dabei insbesondere einer bestimmten Vorstellung von Kritik festmacht. Die Leserbriefschreiber scheinen „Kritik“ alltagsweltlich als Suche von Fehlern und Mängeln zu verstehen. Kritischer Sozialwissenschaft geht es aber nicht um Fehler oder Mängel. Wie beispielsweise der französische Historiker und Philosoph Michel Foucault formuliert hat, fragt sozialwissenschaftliche Kritik viel grundsätzlicher danach, auf welchen Annahmen und unhinterfragten Denkweisen akzeptierte Praktiken basieren. Anders formuliert zeigt kritische Sozialwissenschaft auf diese Weise, dass Dinge auch immer anders gemacht werden könnten und Wahrheitsansprüche niemals unhinterfragbar und unveränderbar sind.

Aus einer solchen Perspektive erscheint der im Einleitungsaufsatz des Themenhefts erwähnte Konflikt zwischen dem deutschen Historiker Arno Peters und Vertretern der akademischen Kartographie als ein Konflikt zwischen zwei konkurrierenden Wahrheitsansprüchen: Wie Zeitzeugen berichten und Schriften von Arno Peters belegen, propagierte Arno Peters 1974 „seine“ flächentreue Projektion und „seine“ Weltkarte als „richtiges“ Weltbild und meint: als einzig richtiges Weltbild! Dabei ist den Kollegen Pápay und Rase zuzustimmen, wenn Sie schreiben, dass es in der Kartographie schon im 18. Jh. Konsens war, dass der ellipsoide Erdkörper nicht einfach auf der zweidimensionalen Karte „abgebildet“ werden kann und daher in der Fachdebatte schon viele Jahre vor Peters unterschiedliche Arten der Projektion sowie deren spezifische Vor- und Nachteile diskutiert wurden. Die zeitgenössische Stellungnahme der DGfK zur so genannten Peters-Projektion in der Fachzeitschrift „Geographische Rundschau“ 1981 arbeitet die Komplexität dieser Diskussion allerdings leider nicht heraus. Die Peters-Projektion wurde gerade nicht als ein möglicher Netzentwurf mit spezifischen Vor- und Nachteilen für bestimmte Anwendungen diskutiert, sondern in einer scharfen und abwertenden Form, d. h. polemisch, als „falsch“ bezeichnet und paradoxerweise einer anderen Kartenprojektion gegenübergestellt, die mit „Wirklichkeit“ betitelt ist (siehe auch die Grafik).

Geographische Rundschau 1981Originalabbildung aus: Deutsche Gesellschaft für Kartographie (1981): Die sogenannte Peters-Projektion. In: Geographische Rundschau 33, 334–335.

 Peters selbst hat keine Beiträge zu einer Kritischen Kartographie im oben skizzierten Sinne geliefert. Wie in unserem Einleitungsbeitrag dargestellt, hat die Kontroverse zwischen Peters und der akademischen Kartographie jedoch dazu geführt, dass überhaupt öffentlich über unterschiedliche Karten und Netzentwürfe sowie deren gesellschaftliche Hintergründe gestritten wurde und damit die „Gemachtheit“ und Kontingenz von Karten für eine breite Öffentlichkeit deutlich wurde. Insofern kann diese Kontroverse als Wegbereiter einer Diskussion im Sinne der Kritischen Kartographie gewertet werden.

Wichtige Anstöße für die inzwischen breite und international geführte Debatte um eine „Kritische Kartographie“ stellten insbesondere Publikationen des britisch-amerikanischen Kartographie-Historikers und Geographen John Brian Harley in den 1980er Jahren dar. Danach fragt eine sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Kartographie erstens danach, wie die Herstellung und die Nutzung von Karten immer in spezifische gesellschaftliche Kontexte eingebettet und von diesen beeinflusst sind. Eng damit verknüpft interessiert sie sich zweitens dafür, welche spezifischen Weltbilder, welche Wahrheiten in Karten präsentiert werden – und welche nicht. Sie sensibilisiert damit für Fragen von Macht und Exklusion.

Mit der Digitalisierung und insbesondere der Verbreitung Geographischer Informationssysteme (GIS) ändern sich Prozesse und Techniken der Geoinformation und kartographischen Präsentationen seit einigen Jahrzehnten grundlegend. Die gesellschaftliche Einbettung sowie die Konsequenzen dieser Entwicklung für die Gesellschaft wurden und werden in Fortführung von Ansätzen der Kritischen Kartographie in der überwiegend englischsprachigen Debatte zu „critical GIS“ bzw. „GIS and society“ diskutiert. Seit wenigen Jahren prägen mit dem Geoweb neue Akteure digitale Geoinformationen und kartographische Präsentationen. Zu nennen sind hier einerseits kommerzielle Angebote wie Google Maps sowie Projekte, die mit dem Begriff „volunteered geographic infomation“ charakterisiert werden, wie insbesondere OpenStreetMap.

Wir sind davon überzeugt, dass diese Transformation von Geoinformation und kartographischen Präsentationen nicht einfach als „Öffnung“ oder „Demokratisierung“ gefasst werden kann. Vielmehr entstehen Geoinformationen und kartographische Präsentationen auch im digitalen Zeitalter in sehr spezifischen sozialen Kontexten und (re-)produzieren spezifische Weltbilder. Die sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesen Transformationen steckt aber in weiten Bereichen noch in den Kinderschuhen – insbesondere auch in der deutschsprachigen Debatte. Wir haben uns daher gefreut, dass sich die Kartographischen Nachrichten auch als Forum zur sozialwissenschaftlichen Reflektion dieser Transformation von Geoinformation und Kartographie verstehen.

Georg Glasze, Christian Bittner und Tim Elrick (Institut für Geographie, FAU Erlangen-Nürnberg)

„Diverse crowds, diverse VGI – comparing OSM and WikiMapia in Jerusalem“ – Vortrag auf dem AAG Annual Meeting in Chicago

Gemeinsam mit Tim Elrick habe ich die letzte Woche in Chicago auf dem US-amerikanischen Geographentag (AAG Annual Meeting) verbracht. Dies war eine Mega-Veranstaltung mit fast 10.000 TeilnehmerInnen und 4500 Vorträgen in fünf Tagen. Teilweise fanden dort fast 100 Sessions gleichzeitig statt (eine Session dauert 100 Minuten und beinhaltet etwa fünf Vorträge). Eigentlich ist die Geographie zwar so weit ausdifferenziert, dass man sich innerhalb seines eigenen Themenfeldes ein halbwegs überschaubares Tagungsprogramm zusammenstellen kann. Aber wehe dem, der sich wie wir mit Kartographie, GIS, dem GeoWeb und (Big) Spatial Data beschäftigt. Hier bestand ein unbeschreibliches Überangebot. Ich habe bei einer Durchsicht des Programms ganze 106 Sessions gefunden, die sich diesen Themen zuordnen lassen. Selbst aus unserer, eher kritisch-sozialwissenschaftlichen, Perspektive auf die Thematik waren noch etliche Sessions relevant (eine Zusammenstellung findet sich hier). Muki Haklay hat auf seinem blog seine Notizen zu vielen dieser Vorträge gepostet (hier, hier, hier und hier).

Tim und ich haben Vorträge in der Session „OpenStreetMap Studies“ gehalten. Der Aufhänger der Session war die Beobachtung von Muki Haklay, dass OSM häufig voreilig mit der übergeordneten Kategorie „Volunteered Geographic Information“ (VGI), also nutzergenerierten Geodaten allgemein, gleichgesetzt wird. Die Vortragenden waren daher aufgefordert, die Vergleichbarkeit und Verallgemeinerbarkeit von OSM-bezogenen Forschungen zu diskutieren. Der Titel meines Vortrags lautete „Diverse crowds, diverse VGI – comparing OSM and WikiMapia in Jerusalem.

Folie1

Hier habe ich zunächst meine OSM-Fallstudie zu Jerusalem präsentiert, wonach auf OSM die israelisch-säkular geprägten Viertel weitaus besser kartiert sind als israelisch-ultraorthodoxe und arabische Viertel. Diese Studie habe ich mit Daten aus WikiMapia reproduziert, wobei überraschender Weise ein ganz anderes Ergebnis entstanden ist: auf WikiMapia gibt es deutlich mehr Daten zu den arabisch-palästinensischen Vierteln Jersualems als zu den jüdisch-israelischen. Ich habe daher die Vermutung aufgestellt, dass sich auch die soziale Zusammensetzung der beiden mapping communities unterscheidet. All dies stützt letztlich Muki Haklays These, dass man von OSM nicht automatisch auch auf andere crowdsourcing-Kartierprojekte schließen darf. Hinter dem Begriff VGI verbirgt sich eine Vielfalt unterschiedlicher Formen von Geodaten, die möglicherweise von sehr unterschiedlichen Menschen generiert werden.